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Papst Leo: „Scheuen wir uns nicht, uns auf der Baustelle unserer Zeit die Hände schmutzig zu machen.“

Am Pfingstmontag wurde die Enzyklika „Magnifica Humanitas“ im Vatikan vorgestellt. Das päpstliche Lehrschreiben beschäftigt sich mit der "Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz" und Papst Leo XIV. ruft darin dazu auf, sich auch mal die Hände schmutzig zu machen, um zu einer „großartigen Menschlichkeit“, wie der deutsche Titel des Textes heißt, beizutragen. Und dahinter steckt weit mehr als Rhetorik. Ein Kommentar von Chefredakteur Christian Schnaubelt.

– einen Beitrag im Rahmen des Monatsthemas Digitalisierung und Künstliche Intelligenz der Portale explizit.net und kath.de –

Die erste Enzyklika von Papst Leo XIV., veröffentlicht am 15. Mai 2026 aus Anlass des 135. Jahrestags der Enzyklika Rerum novarum von Leos XIII., stellt die Menschheit vor eine Grundsatzentscheidung: „Entweder sie errichtet einen neuen Turm zu Babel oder sie erbaut die Stadt, in der Gott und die Menschheit gemeinsam wohnen". Dabei verweist der Heilige Vater auf die biblische Geschichte des Wiederaufbaus der Mauern Jerusalems durch Nehemia (Neh 2–6) anstelle des Turmbaus zu Babel (Gen 11,1–9).

Papst Leo diagnostiziert zu Beginn von Magnifica Humanitas dabei ein fatales gesellschaftliches Muster: Während einige um die Zukunft der neuen Technologien wetteifern und andere sich intensiv damit auseinandersetzen, „verharren die meisten Menschen in einer Art Wartestellung, beobachten aus der Ferne und hoffen einfach, dass alles gut gehen wird" . Genau dieses passive Zuschauen ist es, dem Papst Leo XIV. mit seinem Appell entgegenwirkt, aktiv zu Baumeister:innen zu werden.

Anpacken statt Verwalten

Der entscheidende Satz steht in Absatz 16 von Magnifica Humanitas und lautet wörtlich:

„An alle katholischen Gläubigen, an alle Christen, an alle Männer und Frauen guten Willens richte ich einen eindringlichen Appell: Scheuen wir uns nicht, uns auf der Baustelle unserer Zeit die Hände schmutzig zu machen. Wie Nehemia wollen wir beten, weise planen und beharrlich arbeiten, indem wir unser Handeln an Gott ausrichten und den Menschen in den Mittelpunkt unserer Entscheidungen stellen."

Papst Leo XIV. beschreibt damit einen Appell zum Anpacken und damit einen Gegenpol zum passiven Verharren und Bewahren des Gewesenen. „Baumeister der Gemeinschaft zu sein, keine Architekten von Babel; Diener des kommenden Reiches, keine Herren von Türmen, die einzustürzen bestimmt sind."

Als konkrete Handlungsempfehlungen benennt Papst Leo XIV. "fünf Ansätze für die Verantwortung im Alltag und im öffentlichen Leben". Diese sind: 

"Worte entwaffnen, Frieden in Gerechtigkeit aufbauen, die Perspektive der Opfer einnehmen, einen gesunden Realismius pflegen sowie den Dialog und den Multilaterialismus wiederbeleben." 

- Enzyklika Magnifica Humanitas, Nr. 213

Der Appell, sich die Hände schmutzig zu machen, ist dabei nicht naiv. Im Gegenteil.  Der Heilige Vater ist realistisch genug, auf die Gefahr einer „grenzenlosen Selbstbestätigung" hinzuweisen und einen „gesunden Realismus" einzufordern. Was Papst Leo ablehnt, ist die bequeme Zuschauer:innen-Position – das Warten, dass andere schon die richtigen Entscheidungen treffen werden oder alles irgendwie gut gehen wird.

Die Linie von Franziskus' „verbeulter Kirche" zu Leos XIV. „Baumeister der Gemeinschaft“

Denn das Bild der schmutzigen Hände, das Papst Leo XIV – ebenso wie ein Verweis auf Tolkiens „Herr der Ringe“ – in der Enzyklika verwendet, scheint auf den ersten Blick überraschend. Aber auf den zweiten Blick überführt Papst Leo, die bei Papst Franziskus noch pastoral-seelsorgerlich ausgerichteten Appelle in eine sozialethische und technikpolitische Form: Wer sich die Hände nicht schmutzig macht auf der „Baustelle unserer Zeit", überlässt Algorithmen und Technologiekonzernen die Gestaltung der menschlichen Zukunft. Die Linie geht von Franziskus' „verbeulter Kirche" zu Leos XIV. „Baumeister der Gemeinschaft“. Dabei zeigt sich Paralleles: Beide Päpste lehnen die bequeme Zuschauerposition als unvereinbar mit christlicher Sendung ab. Während Papst Franziskus neuen Techniken eher skeptisch gegenüberstand, stellt Papst Leo allerdings klar. Es geht ihm beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz nicht, um das Ja oder Nein, sondern um die Frage: Wie wird KI angewendet, wer erschafft diese und wer kann diese (frei) verwenden?

Technologie kann heilen, verbinden, bilden und unser gemeinsames Haus schützen, aber sie kann auch spalten, ausgrenzen und neue Ungerechtigkeiten hervorbringen. Abstrakt betrachtet ist sie per se weder eine Lösung für die Probleme der Menschheit noch ein Übel. Konkret betrachtet aber ist sie nicht neutral, weil sie die Züge derer annimmt, die sie konzipieren, finanzieren, regulieren und nutzen. Daher ist die erste Entscheidung nicht die zwischen einem „Ja“ oder einem „Nein“ zur Technologie, sondern die zwischen der Konstruktion von Babel oder dem Wiederaufbau Jerusalems, zwischen einer Macht, die sich anmaßt, den Himmel zu beherrschen, und einem Volk, das sich in Gottes Gegenwart vereint ans Werk macht, die Mauern des geschwisterlichen Zusammenlebens wiederaufzubauen. (Enzyklika Magnifica Humanitas – 9)

Auch die Medien nimmtz Papst Leo in der Pflicht

Für die Redaktionen von explizit.net und kath.de stellt sich die Frage: Was bedeutet dieser Appell von Papst Leo besonders für die Medien?

Der Pontifex adressiert seinen Appell auch ausdrücklich an jene, die kommunizieren, informieren, bilden. Er fordert ein „Bildungsbündnis für das digitale Zeitalter" und eine „Ökologie der Kommunikation" – Begriffe, die unmittelbar an den Auftrag kirchlicher Medienarbeit rühren. Dabei trifft Papst Leos Aufforderung nach "Entwaffnung der KI" auch auf das Thema Kommunikation zu. Denn auch dort - und insbesondere in den Social Media - ist eine "Entwaffnung" der Worte aus Sicht des Autors ebenfalls dringend notwendig. 

Fazit: Sozialenzyklika für das digitale Zeitalter

„Magnifica Humanitas“ ist mehr als eine Neuauflage vonRerum novarum“, sondern eine Sozialenzyklika für das digitale Zeitalter. Aber in dessen Kern steckt ein uralter Ruf, der bereits im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Mt 20,1–16) deutlich wird. Werde Baumeister:in und scheue Dich nicht davor, Dir die Hände schmutzig zu machen. Denn die Hände untätig in den Schoß zu legen, war nie die Berufung von uns Christ:innen. Damals wie heute. Papst Leo XIV. hat in seiner Enzyklika deutlich gemacht, worum dies gerade auch im Zeitalter der KI so wichtig ist und zugleich die Hände zur Zusammenarbeit ausgestreckt: Mit der Bildung, mit der Wissenschaft, mit den Medien, mit der Politik und der von ihm stark kritisierten KI-Industrie. Rechtliche und ethische Leitplanken verhindern nicht die (technische) Zukunft, sie erschaffen sie erst.

Lesetipp: Die fünf wichtigsten Aussagen der Enzyklika Magnifica Humanitas vorgestellt:
https://explizit.net/monatsthema/artikel/magnifica-humanitas-der-mensch-ist-unersetzbar/

Hinweis: Die Enzyklika ist in deutscher Sprache auf der Vatikan-Website (https://www.vatican.va/content/leo-xiv/de/encyclicals/documents/20260515-magnifica-humanitas.html) verfügbar. Zudem kann das Dokument als Broschüre auf der DBK-Website (https://www.dbk.de/vatikan/dokumente-der-paepste/enzyklika-magnifica-humanitas) vorbestellt werden.

Ein Kommentar von Christian Schnaubelt
(Chefredakteur und Herausgeber der Portale explizit.net und kath.de)

 

Hinweis: Die Portale explizit.net und kath.de werden in mehreren Beiträgen über die Themen Digitalisierung und Künstliche Intelligenz im Mai/Juni 2026 hier berichten. 


Kategorie: Monatsthema Medien

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