– ein Beitrag im Rahmen des Monatsthemas Digitalisierung und Künstliche Intelligenz der Portale explizit.net und kath.de –
Frage: Herr Prof. Sievert, auf dem Katholikentag 2026 in Würzburg haben Sie die Studie „DiRK 2026 – Digitalisierung im Raum der Kirchen“ vorgestellt. Was sind die Kernergebnisse, auch im Vergleich zur Vorgängerstudie?
Prof. Dr. Holger Sievert: Die Daten unserer aktuellen Untersuchung liefern in der Tat sehr viele und differenzierte Erkenntnisse. Ein wesentliche Kernergebnis lässt sich so zusammenfassen: Die Kirchenmitglieder agieren in ihrer Lebensrealität deutlich digitaler als die Kirche als Institution. Die Menschen nutzen das Internet und soziale Medien heute ganz selbstverständlich – und zwar flächendeckend über alle Altersgruppen hinweg. Im Vergleich zur Vorgängerstudie von 2024 zeigt sich, dass sich diese Schere weiter geöffnet hat. Die Gläubigen in den Gemeinden sind der offiziellen Kirche beim Thema Digitalisierung oft weit voraus. Die kirchliche Institution hinkt mit ihren eigenen Angeboten hinterher. Zudem fehlt es laut Aussage der Befragten vielerorts an einer klaren Digitalstrategie, weshalb viele digitale Projekte eher zufällig oder rein durch das persönliche Engagement Einzelner entstehen.
Frage: Papst Leo XIV. hat am Pfingstmontag seine Enzyklika „Magnifica Humanitas“ zum Thema Künstliche Intelligenz veröffentlicht. Was sind die Ergebnisse zu DiRK 2026 in diesem Bereich?
Prof. Dr. Holger Sievert: Die neue Enzyklika spricht viele wichtige Themen in verantwortungsvoller Weise an. Letztlich belegt unsere Studie aber auch genau die Bruchlinie, die der Papst in seiner Enzyklika indirekt anspricht. Auf der einen Seite haben die Gläubigen und die Mitarbeitenden in den Kirchen extrem hohe ethische Ansprüche an den Einsatz von KI. Sie fordern im Einklang mit dem Papst, dass der Mensch immer die letzte Kontrollinstanz bleiben muss („Human in the loop“) und dass Kernbereiche wie die Seelsorge nicht an Maschinen ausgelagert werden dürfen. Auf der anderen Seite sehen wir eine Diskrepanz zur Praxis: Viele kirchliche Mitarbeitende nutzen generative KI-Tools im Arbeitsalltag längst intensiv – oft jedoch im luftleeren Raum, also ohne offizielle Richtlinien, Schulungen oder den Segen des Arbeitgebers. Jede fünfte Person sagt sogar explizit, sie würde ihr präferiertes Tool auch dann Weiternutzen, wenn es offiziell verboten wäre. Es gibt hier eine klare Lücke zwischen dem Wunsch nach ethischen Leitlinien und der gelebten Realität - nicht nur am Schreibtisch.
Frage: Welche Entwicklungen nehmen Sie bei der katholischen und der evangelischen Kirche in Deutschland in den Bereichen Digitalisierung und insbesondere Künstliche Intelligenz wahr?
Prof. Dr. Holger Sievert: Beide großen Konfessionen stehen vor der identischen Herausforderung: Sie müssen den Sprung von einer intuitiven „Bauchgefühl-Kommunikation“ hin zu echten, evidenzbasierten Digitalstrategien schaffen. Bei der Nutzung von Social Media ist Instagram aktuell der wichtigste Kanal, um Menschen zu erreichen. Doch auch hier wird das Potenzial von den offiziellen Stellen noch nicht voll ausgeschöpft.
Was die Künstliche Intelligenz angeht, ist die Technik im kirchlichen Alltag angekommen. Das Problem ist die Struktur: Es wird meistens nur punktuell und von Einzelnen genutzt. Nur rund 20 Prozent der Mitarbeitenden haben bisher eine fundierte KI-Schulung erhalten, obwohl der Bedarf riesig ist. Beide Kirchen müssen jetzt dringend in die Weiterbildung investieren und klare Leitplanken setzen, um den Mitarbeitenden Sicherheit zu geben. Es geht einerseits darum, ethische Standards durchzusetzen, aber andererseits auch darum, dabei den Einsatz neuer Technologie nicht auszubremsen. Eine durchaus schwierige Balance!
Frage: Wo können sich die Leserinnen und Leser von explizit.net und kath.de mehr über DiRK 2026 informieren?
Prof. Dr. Holger Sievert: Wer tiefer in die detaillierten Zahlen eintauchen möchte, findet alle Ergebnisse, Pressemitteilungen und Infografiken hier online verfügbar. Zur Vorgängerstudie sind dort jetzt schon viele Videos, Podcast, Fachartikel etc. zu finden. Für die neue Studie sind es aktuell erste Unterlagen, doch wir werden das wie schon für DiRK 2023 weiterhin ausbauen. Der „Versicherer im Raum der Kirchen“ (VRK) hat die Studie gemeinsam mit der Macromedia University durchgeführt und finanziert.
Hilfreich war für die Verbreitung des Fragebogens u. a. auch die Unterstützung von Dr. Matthias Kopp, dem Leiter der Pressestelle und Öffentlichkeitsarbeit der Deutschen Bischofskonferenz. Ein Blick auf die noch weiteren, anstehenden Detailauswertungen, die wir jeweils anlassbezogen für Vorträge und Fachartikel machen werden, lohnt sich zudem für alle, die an der Zukunft der kirchlichen Kommunikation interessiert sind.
Das Interview führte Christian Schnaubelt, Chefredakteur und Herausgeber der Portale explizit.net und kath.de.
Hinweis: Die Portale explizit.net und kath.de werden in mehreren Beiträgen über die Themen Digitalisierung und Künstliche Intelligenz im Mai/Juni 2026 hier berichten.
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