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Fotocredit: Il Foglio AI

Kommentar: Haltung zeigen!

In der letzten Woche ist die deutsche Übersetzung der Enzyklika „Magnifica Humanitas“ von Papst Leo XIV. zum Thema Künstliche Intelligenz erschienen, deren Nutzung in vielen Medien zum Alltagsgeschäft gehört. Doch ein „Experiment“ bei der italienischen Tageszeitung „Il Foglio“ zeigt: Im Journalismus sind Haltung und Empathie wichtiger als Perfektionismus und Effizienz. Doch was bedeutet dies für (katholische) Medien?

– ein Beitrag im Rahmen des Monatsthemas Digitalisierung und Künstliche Intelligenz der Portale explizit.net und kath.de –

Als das „Experiment“ der italienischen Tageszeitung „Il Foglio“ startete, berichteten Medien weltweit: Denn erstmals wurde eine Tageszeitung komplett von KI erstellt. Einen Monat lang erstellte die KI täglich einen vierseitigen Sonderteil. Das Team um Chefredakteur Claudio Cerasa fütterte die KI jeden Tag mit Prompts und übernahm die Ergebnisse der KI eins zu eins ins Blatt. „Es gab keine Überarbeitung, fehlerhafte Artikel flogen zwar raus, kleinere Fehler blieben jedoch bewusst stehen als ‚Lernmoment‘.“ Und die Ergebnisse der KI konnten sich sehen lassen, aber etwas fehlte.

Denn nach der anfänglichen Euphorie, dass das Experiment mit „teilweise bestechend guten Ergebnissen“ – funktionierte, gab die Redaktion von „Il Foglio“ bereits nach einer Woche ein „ernüchterndes“ Statement ab (https://www.ilfoglio.it/il-foglio-ai/2025/03/22/news/a-first-assessment-of-foglio-ai-written-by-foglio-ai-with-a-scolding--109530), welches übersetzt wie folgt lautete:

„Der Redaktionsgeruch fehlt, die Müdigkeit derer, die um Mitternacht abschließen, die Boshaftigkeit derer, die wissen, wo sie hinschauen müssen. Die Zeitung ist in erster Linie ein Ort. Eine zivile Auseinandersetzung. Eine Gruppe von Menschen, die sich über eine Schlagzeile streitet, sich im Chat wegen eines Nebensatzes gegenseitig beleidigt und ein Adverb verteidigt, als ginge es um die Ehre der Familie. Es ist Menschlichkeit in Spannung. Und das kann KI noch immer nicht abbilden.“

Was war passiert?

Das Problem der Redaktion von „Il Foglio“ war nicht, dass die KI nicht den besonderen Sprachstil oder die Inhalte der italienischen Tageszeitung beherrschte. Im Gegenteil: Die Texte waren zu gut, zu glatt, zu langweilig perfekt. Die „Unordnung“ in den Texten fehlte.

„Journalismus ist nicht nur die Kunst, gut zu schreiben, sondern es ist die Kunst zu wissen, wann man schreibt, warum man schreibt und gegen wen man schreibt. Das weiß die KI bisher nicht. Sie ist brillant, aber nicht rücksichtslos.“ (Il Foglio)

Das KI-Experiment geht anders weiter…

Das Team um Chefredakteur Claudio Cerasa fasste eine spannende Entscheidung: Das Experiment wurde trotzdem als wöchentliche Beilage und auf der Zeitungs-Website als „Il Foglio AI“ fortgesetzt (https://www.ilfoglio.it/il-foglio-ai), bis heute. Aber die Rolle der KI hat sich geändert: Die KI wurde vom „Content-Creator“ zum dauerhaften „Sparringspartner“ der Redaktion und ihre Inhalte fließen nun in den Redaktions-Workflow ein. 

aber spannender sind die Erkenntnisse für den Journalismus

Abseits der Frage der technischen Machbarkeit und der Lesbarkeit von KI-Texten hat das bis heute andauernde Experiment bei „Il Foglio“ spannende Erkenntnisse für den Journalismus erbracht, die auch in den Redaktionen von explizit.net, kath.de und hinsehen.net geteilt werden:

Haltung und Empathie sind wichtiger als Perfektionismus und Effizienz

Denn gerade in Zeiten, in denen KI auf Knopfdruck beliebig viele journalistische Inhalte produzieren kann, bleiben die Haltung und oftmals auch die Fakten auf der Strecke.

KI-Texte – auch wenn sie formal richtig sind – haben von sich aus keine eigene Meinung, keine Moral und können nicht deren Bedeutung für die Gesellschaft oder den Staat verstehen. Dadurch werden sie oft zu „Datenmüll“: austauschbar und nicht erinnerbar.

Fazit: KI als „Sparringspartner“, aber nicht als Redakteur

Daher bleibt es dabei: Artikel bei explizit.net – und bei unserem Partnerportalen kath.de und hinsehen.net– werden weiterhin von Menschen geschrieben, KI ist nur "Assistent" (z. B. bei Recherchen, Übersetzungen, Rechtschreibkontrolle). Dazu haben Redaktionsmitglieder und Autor:innen bereits im Frühjahr 2024 eine „Selbstverpflichtung“ beschlossen, die am 27. Juni 2026 von publicatio e.V. in Frankfurt bekräftigt wurde.  

Und dies machen wir nicht nur wegen der besseren Lesbarkeit der Texte. Denn wenn ausgebildete Journalist:innen Texte veröffentlichen, übernehmen sie – anders als die KI – eine rechtliche, ethische und moralische Verantwortung für die Texte und deren Quellen.

Und noch entscheidender: Menschliche Autor:innen schreiben mit Empathie und nehmen eine Haltung ein – oder sollten dies zumindest nach dem beruflichen Ethos tun.  Und gerade in Zeiten von „Fake News“ und „Deep Fakes“ ist Haltung zeigen angesagt!

„Überlebenselixier“ für Qualitätsjournalismus

Qualität und Transparenz werden nach Sicht des Autors zum „Überlebenselixier“ für den Qualitätsjournalismus werden. Künstliche Intelligenz kann dabei ein guter „Sparringspartner“ wie bei der Zeitung „Il Foglio“ sein, aber kein gleichwertiger Redakteur.

Als (katholische) Medienschaffende sollten wir uns selbstkritisch die Fragen stellen:

Nehmen wir eine Haltung ein und imitieren wir nur eine Haltung, die Klicks bringt?

Bauen wir Brücken und rüsten wir unsere Sprache ab (Papst Franziskus)?

Und inwieweit kann uns KI helfen, ohne dabei die Menschlichkeit zu verlieren (Papst Leo XIV.) und uns auch das „Unordentliche“ (Il Foglio) zu bewahren?


Lesetipp:
https://www.kath.de/kommentar/2026-01-01-2026-ki-als-chancenbringer-aber-kein-heilsbringer

Ein Kommentar von Christian Schnaubelt (Chefredakteur und Herausgeber von explizit.net und kath.de). 

Hinweis: Die Portale explizit.net und kath.de berichten in mehreren Beiträgen über die Themen Digitalisierung und Künstliche Intelligenz in den Monaten Mai / Juni 2026 hier


Kategorie: Monatsthema Medien

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