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Es bleibt nicht so in 2018

Die Menschen spüren es: Es bleibt nicht so, sondern es kommen große Veränderungen auf uns zu. Wie die Medien und Zeitgeistanalytiker stehen die meisten Politiker ratlos vor den Herausforderungen. Die neuen Konturen zeigen sich noch nicht. Die Koalitionsverhandlungen spiegeln die Situation des Landes. Ein Kommentar.

Die Stöcke zum Aufbruch stehen ratlos im Sand. Wer die Konturen des Neuen greifen will, muss aufbrechen.

Die Parteien in Berlin kommen deshalb nicht zu einer Regierungsbildung, weil sie keine Idee haben, wie sie die Zukunft gestalten können. Sie verheddern sich in Einzelforderungen, weil sie kein großes Projekt haben, das Freiräume für politische Gestaltung eröffnet. Auch die Kirchen befürchten im neue Jahr primär, dass sie weiter marginalisiert und damit an Einfluss und Finanzmitteln verlieren werden. Die Industrie weiß eher, wohin es geht: Industrie 4.0, Elektromobilität, Durch-Digitalisierung aller Abläufe, Individualisierung der Gebrauchsgegenstände durch 3D-Druck, mehr Daten über die Kunden, Smart-Home, neue Chip-Technik. Die Medizin steht weiter vor großen Entwicklungssprüngen. Das auf Technik basierte Leben wird weiter perfektioniert. Woher dann die Ratlosigkeit des Landes, die sich in den Berliner Koalitionsverhandlungen nur spiegelt?

Nach dem Abschalten der Atomkraftwerke, dem schnellen Ausbau von Wind- und Solarenergie und der Umstellung auf Elektromobilität scheinen viele der technischen Probleme lösbar. Man kann der Technik zubilligen, dass sie weitgehend ihre Hausaufgaben macht. Nach der Absage an die Atomenergie steht noch die Ent-Chemisierung der Lebensmittel an. Das Ende der Kohle ist absehbar. Warum daraus einen Glaubenszeugnis für grüne Politik machen? Es wird nicht lange dauern, bis es Erklärungen für die Zunahme der Krebserkrankungen gibt. Denn ob sie mit der chemischen Verunstaltung der Lebensmittel zusammenhängen, wird sich bald zeigen. Dann erst politisch Konsequenzen zu ziehen, ist unnötiger Zeitverlust. Der Blick auf Industrie und Landwirtschaft zeigen, dass deren Probleme auf der wissenschaftlich-technischen Ebene angegangen werden können. Anders die Kultur. Sie muss den Menschen in Beziehung zu der Welt setzen, die er selbst geschaffen hat.

Nicht die technische Entwicklung ist das Problem, sondern die völlige Technisierung

Das ist das Neue nach 200 Jahren aktiver Weltgestaltung durch Naturwissenschaften und Technik. Nicht der Mensch lebt im Einklang mit der Natur, sondern er gestaltet sie nach seiner Façon. Mit der Digitalisierung droht daraus die totale Überwachung zu werden. Wie soll der Mensch sich in dieser Welt verstehen? Er bewegt sich nur innerhalb einer technisierten und digitalisierten Welt, die ganz vom Menschen gemacht ist. Die CDU ist nicht wie immer nicht Vorreiter, sondern wartet, bis die Entwicklungen so reif sind, das man sie umsetzen kann, ob Wiedervereinigung, Elektromobiliät, Atomausstieg und in den Ländern eine Schulpolitik, die Berufschancen eröffnet und wieder eine bestimmte Qualität garantiert.

Und die SPD?

Seit 2010 spätestens wissen die Demoskopen um die Abstiegsängste der unteren Mittelschicht. Damals hatte das Heidelberger Sinusinstitut entsprechende Daten erhoben. Mit der Digitalisierung hat sich die Lage verschärft. Die einen profitieren davon, den anderen macht dies Angst. Es gibt einmal die gut ausgebildete große Bevölkerungsgruppe, die die Digitalisierung für den eigenen beruflichen Aufstieg nutzt. Zwei Gruppen können sich in diesen Sog nach oben nicht einklinken. Einmal die Älteren und zum anderen die wenig Qualifizierten, die sich in Putzdiensten, in Pflegetätigkeiten, als Fahrer zu Mindestlohnsätzen verdingen. Wer von diesen beiden Gruppen fühlt sich durch die SPD vertreten? Stattdessen fordert die SPD von den gering qualifizierten Bürgern, die Zugewanderten zu integrieren. Es ist auch nach bald vier Monaten nach der Wahl nicht erkennbar, dass die SPD ihre Aufgabe erkannt hätte. Das liegt daran, dass sie zur Partei des Öffentlichen Dienstes geworden ist, deren Mitglieder keine Angst um ihren Arbeitsplatz haben müssen.

Kirchen ratlos?

Stellt sich die Frage, ob die Kirchen sich für die Lösung der anstehenden Zukunftsfragen engagieren? Allein Eltern, die ihren Kindern Wertvorstellungen und einen Umgang mit Lebensängsten und Scheitern vermitteln wollen, werden Kindergärten, Kindergottesdienste, Jugendgruppen und das sommerliche Zeltlager als Angebote der Kirchen wahrnehmen. Dann finden noch Senioren Beheimatung in den Gemeinden. Für die Erwachsenen, die noch keine Kinder haben, sind die Kirchen leere Gehäuse. Einige der Ursachen sind erkennbar:

  1. Zuerst ist das von der Theologie ausgehende Unterlegenheitsgefühl gegenüber der materialistischen Interpretation des Menschen zu benennen. Die Kirchen stehen zwar als Verteidiger der sozial Schwachen dar, auch wenn manche ihrer Bischöfe Luxuslimousinen fahren. Aber die Herausstellung der geistigen Dimension des Menschen kann nicht durch Renovierung der Kirchen noch durch Konzerte und einige Akademieveranstaltungen aufrechterhalten werden. Das müsste den Christen vermittelt werden, eben dass die Theologie intellektuell den Herausforderungen des Materialismus, des Neoliberalismus und der Durch-Digitalisierung aller Lebensbereiche gewachsen ist. Sie hat sich, wie die evangelische Kirche mit der Lutherdekade in die Geschichte verabschiedet.
  2. Die Auseinandersetzung der Kirchen mit dem Islam von den AFD-Wählern als Schmusekurs wahrgenommen. Wie das christliche Profil herausgearbeitet werden kann, ist für die AFD-Wähler aus den Reihen der Kirchenmitglieder deshalb nicht wahrnehmbar, weil es auf Dialogveranstaltungen begrenzt bleibt, in den kirchlichen Medien oder gar in der Predigt jedoch nicht vorkommt. Die offensive AFD-Rhetorik wird von den Wählern dieser Partei, die das christliche Erbe bedroht sehen, für angemessener empfunden, auch wenn es ihr bei den Inhalten komplett hapert.

Worum geht es in der Kultur

Das Projekt der Aufklärung ist weitgehend abgeschlossen. Es hat nicht nur zur Gefährdung der natürlichen Ressourcen geführt, sondern in wenigen Jahren eine Totalüberwachung mittels der digitalen Vernetzung hervorgebracht. Kultur, Bildung, Philosophie, Religion haben gegenüber der digitalen Vereinnahmung keinen Gestaltungswillen entwickelt. Deshalb erscheinen die technische wie die Finanzwelt immer menschenfeindlicher. Die Kultur hat sich in die abgeschirmten Räume der Galerien, der E-Musik, der kleiner geworden Kirchengemeinden und in eine Vielzahl geisteswissenschaftlicher Diskursräume verabschiedet, die sich schon durch ihr Vokabular nach außen abschotten. Das Unterlegenheitsgefühl der Kultur hindert ihre Akteure, die Deutungshoheit für die Lebenswelten zurück zu erobern. Am wenigsten kann man auf die Ressourcen der Philosophie setzen, denn mit dem Materialismus, der sich heute als Naturalismus etikettiert, hat die Philosophie ihre Aufgabe an die empirischen Wissenschaften delegiert. Sie soll ja nicht Wasserträger der empirischen Wissenschaften sein, sondern „Liebe zur Weisheit“ vermitteln. Es geht nicht allein um das Verstehen der Natur, sondern der geistigen Existenz des Menschen, also nicht bloß um Psychologie, sondern Sinnvermittlung. Der Mensch, der nur noch der vom Menschen geschaffenen Welt findet, entgegen den Hoffnungen von Feuerbach und Marx, in der Welt keine Beheimatung, sondern die von Nietzsche prognostizierte Kälter und Verlorenheit. Vielmehr werden sowohl der Neoliberalismus wie die digitale Totalüberwachung durch die Philosophie des Naturalismus legitimiert. Diese Philosophie hat sich als kritische Instanz verabschiede. Dafür kann derjenige, der sich nicht einfach von Google und Apple lenken lassen will, auf Ansatzpunkte beziehen, die aus der empirischen Forschung entstehen.

Neue Zugänge über die Empirie

Gerade von den Naturwissenschaften kommen die neuen Ideen, um den Menschen in der von ihm gemachten Welt ein neues Haus zu bauen. Auf folgende Punkte sei hingewiesen:

  • Mit der Urknall-Theorie hat unser Kosmos einen Anfang. Über den kann der Mensch hinausdenken.
  • Evolution ist mit dem Menschen zur Kultur geworden. Sprache ist wohl nicht so entstanden, dass sich nach dem Zufallsprinzip die Sprechwerkzeuge entwickelt haben, sondern die größer gewordenen Gruppen der Frühmenschen  konnten nicht mehr allein durch Zeichen und einfache Laute gelenkt werden, sondern erforderten eine differenziertere Zeichensprache. Dieser Antrieb hat dann die Entwicklung des Kehlkopfes und die Ausbildung eines Sprachzentrums im Gehirn hervorgebracht.
  • Die Genetik kommt dem Geheimnis des Lebens näher.
  • Das Zusammenspiel von Biologischem und Geistigem verlangt ein neues Verständnis vom Menschen. 
  • Das durch Technik und digitale Überwachung eingeengte postmoderne Leben verlangt ein Gegengewicht, welches nicht in einer weiteren Stufe der Technisierung bestehen kann.
  • Es ist deutlich, dass für diese Herausforderungen die alten Antworten, sowohl die politischen wie die philosophischen, die volkswirtschaftlichen, die der Kunst und der Religion nicht mehr passen.

Von der SPD lernen 

Ein Kommentar von Eckkard Bieger S.J.


Kategorie: Politik

Kommentare (2)

  1. walter vor 3 Wochen
    das Erbe Luthers...

    vielleicht ist der religiöse Skeptizismus d a s Erbe Luthers, das die "semper reformanda ecclesia" blockiert :
    so kennt die mediale Hype bez. "Kirche" mehr oder weniger ausschliesslich zwei Pole:
    - Restauration ( Benedikt ? Müller ? Kurie ? Luther ? )
    -Reduktion/ Entweltlichung/" Dekonstruktion " (Derrida).

    Vor beiden hat die (kath. ?) gut bezahlte Kirche ,mithin deren Theologie Angst. Dabei birgt dieser Spannungsbogen enormes Reformationspotential hin zu
    -Plausibilität
    -Authenzität und damit
    - Autorität im besten Sinne.
  2. Günter Reichart vor 3 Wochen
    Sehr geehrter Herr Bieger,
    ich gebe Ihnen in vielen Punkten recht. Ich denke, dass die Kirchen derzeit wenig Beiträge zur geistigen Auseinandersetzung in der Gesellschaft liefern. Man hat ja jahrelang jeden kritischen Diskurs in der Kirche erstickt, Theologen mit neuen Denkansätzen wurden systematisch mundtot gemacht (Boff, Küng, Drewermann, Häring, Hasenhüttl,...). Man vermeidet seit Jahren ebenso einen inhaltlichen Diskurs mit dem Islam, ist zu sehr auf Abgrenzung bedacht und überlässt der AFD mit ihrer Hasspropaganda das Feld. Die gemäßigten, liberalen Islam-Gruppierungen gehören gefördert, mit ihnen muss man den Diskurs führen. Der Islam-Unterricht muss von in Deutschland ausgebildeten Lehrern ähnlich zum christlichen Religionsunterricht erfolgen. Die "Kirchensteuer" sollte einheitlich für alle Menschen, ob religiös oder nicht geregelt werden, niedriger Satz, Wahlrecht der Mittelverwendung. Auch in allen anderen gesellschaftlichen Fragen (Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit, Entwicklungshilfe, Verteidigung des Asylrechtes,Umweltschutz, Wirtschaftsordung...) vermisse ich derzeit inhaltliche Diskussionen , von Zukunftsvorstellungen will ich schon gar nicht mehr reden. Stattdessen schauen alle brav zu, wie Flüchtlinge und Asylbewerber als Sündenböcke für das Politikversagen und als Ablenkungsmanöver von sonstigen Missständen dienen sollen, konservative und liberale Politiker im Eiltempo AfD Positionen übernehmen statt dem Kantschen Motto zu folgen: sapere aude

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