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Glyphosat braucht Ethik

Das Münchner Umweltinstitut hat an 163 Standorten über mehrere Monate die Kontamination mit Pflanzenschutzmitteln detektiert. Überall, selbst innerhalb von Städten oder am Brocken im Harz fanden sich Spuren verschiedenster Pflanzenschutzmittel, insbesondere Glyphosat. Dort hätten sie, gemäß den Zulassungsdokumenten und Anwendungsbestimmungen der Mittel, nicht gefunden werden dürfen.

Glyphosat und Abdrift

Ein großes Risiko bei Pflanzenschutzmitteln ist die Abdrift, nämlich dass die Mittel an andere Orte transportiert werden. Bei de Ausbringung kann es verweht oder verregnet werden und sich woanders niederschlagen. Auch an richtigem Ort ausgebrachte Mittel können sich weiterverbreiten, wenn sie z.B. länger als benötigt im Boden bleiben und nicht mehr verarbeitet werden. Die erneute Zulassung von Glyphosat in der EU vor ein paar Jahren war sehr umstritten. Letztendlich erhielt es eine Genehmigung, weil es als Universalmittel der konventionell wirtschaftenden Landwirtschaft alternativlos dargestellt wurde. Oder wie die Kanzlerin sinngemäß sagte „wenn Sie Landwirte das brauchen, dann erhalten sie das“. Glyphosat ist ein Totalherbizid und vernichtet jedes pflanzliche Leben. Gleichzeitig wurde ihm bescheinigt, dass seine Wirkung räumlich und zeitlich gut zu kontrollieren sei, weit besser als bei vielen spezifischeren Mitteln. Aber es fand sich bei den Messungen des Umweltinstituts an vielen Stellen, wo es nicht hätte auftreten dürfen

Glyphosat definiert Landwirtschaft

Die Diskussion um Glyphosat ist nicht neu, sondern einige Jahrzehnt alt. Glyphosat wurde, nachdem es zum Patent angemeldet war – inzwischen ist der Patentschutz längst ausgelaufen – seit Mitte der Siebziger als Herbizid mit dem bezeichnenden Namen „round up“ bekannt. Es räumte mit allem auf, was da wuchs, ein „perfektes“ Totalherbizid. Mancher mechanische Schritt der Bearbeitung des Feldes vor und nach der Ernte, wie Pflügen, Eggen, Mulchen, Stoppelbearbeitung etc. wurde durch Besprühen mit „round up“ ersetzt. Legendäre Mengen – auch weil es so billig war – kamen zum Einsatz. 6 l round up pro ha alleine für Queckenbekämpfung rühmten sich manche Bauern. Ökonomisch war das sinnvoll, da weit billiger und schneller als eine mechanische Bearbeitung. Round up einzusetzen war der Goldstandard in der Landwirtschaft.  Monsanto und andere entwickelten dazu glyphosat-resistente Nutzpflanzen. So konnte man Glyphosat bis zur Ernte der Nutzpflanze einsetzen.

Ausblenden der Natur

So ökonomisch der Einsatz von „round up“ auch war, so befremdlich oder zynisch war er im Verhältnis zur Natur. Er entspricht einer Landwirtschaft, die ihre Flächen als Vorprodukt oder Rohstoff sieht. Das Feld soll vor der Bestellung zu tabula rasa werden, die völlig von Unkraut, Insekten „gereinigt“ ist und nur für den Produktionsschritt Anbau der Nutzfrucht konditioniert worden ist. Das Gedächtnis des Ackers z.B. in all den Samen von Ackerunkräutern oder sein Nutzen für Insekten, Wildtiere ist ausgeblendet; ebenso seine Funktion für das jeweilige lokale Klima. Einen solchen Acker kann man sich auch in einem riesigen Gewächshaus oder Labor vorstellen, in dem der Boden künstlich hergestellt wird.

Recht der Gesellschaft auf Mitsprache an den landwirtschaftlichen Flächen

Jenseits der Frage ob Glyphosat krebserregend ist und ob es in der Nutzpflanze noch nachweisbar bleibt, stellt sich die Frage: Ist ein Acker oder ein Feldstück so zu sehen wie ein Rohstoff in einer Produktionskette, welches der Landwirt nach Belieben konditionieren darf? Oder ist die Wechselwirkung des Feldes mit der Fauna, der Flora, dem Klima wie auch dem Menschen auszublenden? Hat nicht manches Ackerwildkraut, das für ein seltenes Insekt lebenswichtig ist, nicht das Recht, wenigstens nach der Ernte für ein zwei Wochen dort zu blühen. In der Thora gibt es das Recht der Ährenlese für die Armen. Wäre ein ähnliches Recht nicht für die Flora und Fauna zu fordern. Hat der Nichtlandwirt das Recht auf eine vielfältige Natur? Dieses Recht stand den armen zu und wird im Buch Levitikus 19,9 so formuliert: „Und wenn ihr die Ernte eures Landes erntet, darfst du den Rand deines Feldes nicht vollständig abernten und darfst keine Nachlese deiner Ernte halten“.

Die Studie des Münchner Umweltinstituts: Pestizidrückstände in der Luft

Glyphosat auch im Wein Der Pfalzwein braucht Glyphosat


Kategorie: Wirtschaft

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