„selbsterfüllende Prophezeiung bezeichnet das Phänomen, dass die Wahrscheinlichkeit des Eintretens eines Ereignisses allein durch die Erwartung dieses Ereignisses erhöht wird.“ (Lexikon der Psychologie)
In der letzten Woche ist eine Diskussion über die Rolle der Medien im Umfeld der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt neu entbrannt. Haben die Medien durch eine Art „Überhöhung“ der Wahl und durch die allgegenwärtige Berichterstattung über die AfD und ihre möglicherweise bevorstehende Übernahme der Landesregierung nicht erst eine „selbsterfüllende Prophezeiung“ geschaffen? Der Deutschland-Funk berichtete, dass die Europäische Rabinerkonferenz den Medien eine "Mitverantwortung bei der Presse für das starke Abschneiden der AfD" zugewiesen hat und Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider den Medien eine Mitverantwortung "für den aktuellen negativen Gemütszustand vieler Menschen" zuschreibt.
Und haben die Belehrungen mancher West-Politiker:innen an die Wähler:innen in Sachsen-Anhalt nicht vielleicht dazu geführt, dass die Ost-Wähler:innen – wie ein trotziges Kind – erst recht die AfD wählten?
Rolle der Medien wird immer wichtiger aber auch schwieriger
Die Aufgabe von Medien ist es einerseits, neutral zu informieren, damit Wähler:innen sich ein möglichst umfangreiches Bild bilden können. Dabei sollten primär Fakten im Mittelpunkt stehen und keine Skandalisierung oder Clickbaiting. Allerdings wurde bereits seit der letzten Bundestagswahl deutlich: Die Politik muss ihr Handeln verständlicher erklären und Medien müssen stärker das politische Handeln und seine Hintergründe erläutern. Und Medien wie Zeitung, Radio und Fernsehen erreichen manche Wähler:innen - Grupppen einfach nicht mehr. Es müssen verstärkt neue Wege (TikTok, Messenger) gegangen werden.
Aber andererseits ist es auch die Aufgabe der Medien, die Neutraität zu verlassen und Standpunkte zu beziehen, wenn sie in ihrer Kontrollfunktion der Politik („vierte Gewalt im Staat“) oder bei gesellschaftlichen (oder kirchlichen Entwicklungen) auf Missstände stoßen. Dies ist bei weitem kein fehlender Ausdruck von Loyalität gegenüber dem Staat (oder den Kirchen), sondern im Gegenteil vielmehr Ausdruck der Liebe zur Demokratie, (zur Kirche) und vor allem zur Wahrheit.
Plattform Wahlen: "Massive Desinformationskampagnen"
Seit der Bundestagswahl hat neben Social Media auch Künstliche Intelligenz mittlerweile eine zentrale Rolle bei Wahlkämpfen eingenommen. Fake-Accounts und -Bots fluten das Internet und die Social Media mit Fakenews - mit tatkräftiger Unterstützung durch KI, die poliische (Desinformations-) Kampagnen gezielt auf einzelne Wähler:innen-Gruppen abstimmt. Für die Wähler:innen - aber auch für Medien - wird es immer schwieriger "echte" News von "Fakenews" zu unterscheiden. Aus diesem Grund sah sich die Landeswahlleiterin in Sachsen-Anhalt auch veranlasst wegen Fakenews zur Briefwahl und Wahlokalen eine Stellungnahme abzugeben. Dies erinnert verdächtig, an die Fakenews-Kampagen, die letzte US-Präsidentschaftswahlen und Bundestagswahl seien manipuliert worden. "Die Landtagswahlen waren gekennzeichnet durch massive inländische und ausländische Desinformationskampagnen, die die Glaubwürdigkeit des Wahlprozesses erschüttern sollten", sagte die Wahlbeobachterin Stefanie Schiffer von der "Plattform Wahlen" der "Zeit". Der Fakt, dass genügend neutrale und faktenbasiierte Informationen im Netz und in Social Media vorliegen heißt allerdings nicht, dass diese auch von den Wähler:innen akzeptiert werden. Denn die schon länger anhaltende Kampagne gegen öffentlich-rechtliche Sender trägt leider Früchte und gipfeln perfiderweise darin, dass Ost-Politiker öffentlich-rechtlichen Sender Desinformation vorwerfen und stattdesen - dem Beispiel aus den USA folgend - Blogger und Influencer bevorzugen, die Fakenews verbreiten. Daher sind es gerade ARD, ZDF & Co. die im Kampf gegen Fakenews eine wichtige Rolle spielen.
Angriff auf öffentlich-rechtliche Medien und Medienschaffende
Zudem weitert sich das Phänomen der "filter bubbles" immer weiter aus. Wähler:innen bekommen primär nur Infos angezeigt, die ihre Meinung teilen und dadurch immer weiter bestärkt. "Seriöse" Medien wie die öffentllich-rechtlichen Sender ARD und ZDF werden als politisch manipuliert dargestellt. Gerade von Medien und Bots, die ihrerseits die politische Meinung manipulieren wollen. Die Lösung sind aber keine Social Media - Verbote oder KI- Beschränkungen, sondern vielmehr die Stärkung der Bildung, der Medienkompetenz, die Sicherung der Öffentlich-Rechtlichen Medien und vor allem des freien Journalismus.
Aber genau dieser freie Journalismus ist derzeit in Gefahr: Denn Medienschaffende geraten leider immer mehr in den Fokus von politisch motivierten Angriffen, wie die Journalist:innenverbände DJV und dju unlängst kritisierten. Besonders im Umfeld von Wahlen nehmen Angriffe auf Medienschaffende nachweislich zu. Es ist daher am Staat, an der Polizei und an der Justiz den Schutz der Mediensschaffenden zu verbessern.
"Mediensonntag" lenkt Fokus auf Künstliche Intelligenz
Am heutigen Sonntag, 13. September wird der 60. Welttag der sozialen Kommunikationsmittel - besser bekannt als Mediensonntag - in der katholischen Kirche in Deutschland begangen. Dabei lenkt Papst Leo XIV. den Fokus auf das Thema Künstliche Intelligenz (KI), welches auch bei den Wahlkämpfen 2026 in Deutschland eine immer wichtigere Rolle spielt.
"Künstliche Intelligenz (KI) verändert unsere Gesellschaft in einem unvorstellbaren Tempo: wie wir arbeiten, wie wir miteinander kommunizieren und ganz besonders, wie wir uns informieren. Und sie beeinflusst zunehmend, welche Informationen uns erreichen. Im medialen Raum prägen diese Informationen erheblich unsere Wahrnehmung der Welt. Nicht nur deshalb wird der wachsende Einfluss von KI von großer Sorge begleitet. Sie eröffnet aber auch große Chancen. KI kann Menschen den Zugang zu Wissen erleichtern und aufwendige Tätigkeiten vereinfachen. Sie kann auch Medienschaffende bei ihrer Arbeit unterstützen", kommentierte Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der Publizistischen Kommission der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), die Botschaft des Heiligen Vaters zum Welttag der sozialen Kommunikationsmittel.
Marx: Journalismus ist für eine demokratische Gesellschaft unverzichtbar
Zur Rolle des Journalismus führte der Erzbischof von München und Freising anlässlich des heutigen "Mediensonntag" weiterhin aus: "Er lebt von Recherche, Erfahrung und Urteilskraft. Er lebt von Menschen, die hinterfragen, vor Ort gehen, Quellen prüfen und Verantwortung für ihre Veröffentlichungen übernehmen. In einer demokratischen Gesellschaft ist es unverzichtbar, dass dieser Prozess frei und transparent abläuft."
Im Hinblick auf die Bedeutung von Künstlicher Inteligenz ergänzt Kardinal Marx: "Wer nicht versteht, wie Informationen ausgewählt, erzeugt und verbreitet werden, läuft Gefahr, anderen die eigene Weltdeutung zu überlassen" und ergänzt: "Deshalb müssen Schulen und andere Bildungseinrichtungen, Politik, Medien, Wissenschaft, Kirchen und Zivilgesellschaft gemeinsam daran arbeiten, diese Kompetenz zu stärken."
Fazit: Medien tragen eine Mitverantwortung für den Erhalt der Demokratie. Daher ist es jetzt auch für explizit.net und sein Partnerportal kath.de weiterhin die Aufgabe, durch unabhängigen Journalismus zu informieren. Auch wenn der Gegenwind zunimmt: Aufgeben ist keine Option!
Ein Kommentar von Christian Schnaubelt
(Chefredakteur und Herausgeber von explizit.net und kath.de)
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