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Synodaler Weg: Interview mit Viola Kohlberger (junge Synodale)

Am 31. Januar endete die sechste und letzte Synodalversammlung des Synodalen Weges in Stuttgart. Nach sechs Jahren ist es Zeit Bilanz zu ziehen und zu fragen: Ist das Glas halb voll oder halb leer? Die Portale explizit.net und kath.de führen dazu eine Interviewreihe durch. Heute: Viola Kohlberger, eine der 15 "jungen Synodalen".

Eine Artikel im Rahmen des Monatsthemas "Synodale Kirche" der Portale explzit.net und kath.de. 

Frage 1: Frau Kohlberger, gestern endete die sechste und letzte Synodalversammlung des Synodalen Weges. Was ergaben die Evaluation und die Beratungen in den letzten drei Tagen in Stuttgart? Und wie lautet ihr persönliches Fazit als Mitglied des Gremiums?

Mein Fazit zur letzten Synodalversammlung fällt sehr gemischt aus. Ich bin zuallererst erleichtert, dass wir den Synodalen Weg nun abschließen können und dass unsere Bemühungen um eine Verstetigung der Synodalität in der römisch-katholischen Kirche in Deutschland Erfolg hatten. Es wird aller Wahrscheinlichkeit nach – so die Deutsche Bischofskonferenz und der Vatikan will – noch in diesem Jahr eine sogenannte Synodalkonferenz eingesetzt werden. Dort werden sich insgesamt 81 Personen in regelmäßigen Abständen treffen, um die Arbeit des Synodalen Weges weiterzuführen und gemeinsam über relevante Themen beraten und entscheiden. Ein Drittel der Mitglieder werden die Ortsbischöfe der 27 deutschen Bistümer sein, ein Drittel wird durch das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) gestellt und ein Drittel werden wir im Sommer als letzte Amtshandlung der Synodalversammlung wählen. Als junge Synodale haben wir uns, gemeinsam mit vielen weiteren Synodalen, auf der Versammlung in Stuttgart dafür eingesetzt, dass es ein Quorum für junge Menschen und für weibliche Personen in dieser dritten Gruppe geben soll. Damit kommen wir einerseits dem Auftrag der Geschlechter- und Generationengerechtigkeit nach, den wir uns für die Synodalkonferenz selbst gegeben haben und sichern andererseits ab, dass tatsächlich junge Menschen in dieses zukünftige Gremium gewählt werden. Auch wenn es für manche (männlichen) Ohren wie Erbsenzählerei klingen mag: Wir wissen, dass Systeme und Gruppen sich selbst erhalten. Bei der Wahl der Mitglieder zum Synodalen Ausschuss haben wir trotz zahlreichen großartigen Kandidaten*innen unter 30 Jahren die Erfahrung gemacht, dass ausschließlich diejenigen von der Versammlung gewählt wurden, die bereits als Synodale dabei gewesen waren. Junge Menschen, die in der Regel noch nicht gut vernetzt sind, haben in so einem System also so gut wie keine Chance. Und da sich aus dem Kreis der Jungen Synodalen nur sehr wenige Personen vorstellen können, überhaupt für die Synodalkonferenz zu kandidieren, bestand die reelle Gefahr, dass unter den 81 Personen nur 1 oder 2 Menschen unter 30 Jahren sein werden – und das konnten wir durch den Quorums-Beschluss verhindern.

Die Ergebnisse des Monitorings zur Umsetzung der Beschlüsse des Synodalen Weges in den Bistümern sind ernüchternd. Ja, es hat sich zumindest in allen Bistümern, die überhaupt an den Umfragen teilgenommen haben, ein bisschen etwas bewegt. Aber ich kann nicht nachvollziehen, warum sich die Verantwortlichen immer noch davor scheuen, die Anonymität der Umfragen aufzulösen. Wir haben nun sechs lange Jahre darüber gesprochen, dass wir Macht- und Gewaltenteilung brauchen, die MHG-Studie hat Intransparenz, Männerbünde und die Konzentration von Macht auf eine Person deutlich als Risikofaktoren für Machtmissbrauch benannt. Und dennoch verweigern sich einige Bischöfe sogar dem Ansatz einer Rechenschaftspflicht, die sogar die Weltsynode als grundlegenden Pfeiler für Synodalität benannt hat.

Frage 2: Sie engagieren sich in der Deutschen Pfadfinder*innenschaft Sankt Georg und im Bund der Deutschen Katholischen Jugend. Wie lautet das Fazit der "Jungen Synodalen" zum Synodalen Weg. Ist das Glas halb voll oder halb leer?

Ein gemeinsames Fazit der Jungen Synodalen gibt es nicht. Wir sind mit unterschiedlich hohen Erwartungen in den Synodalen Weg und auch in die letzte Synodalversammlung gestartet. Auf unserem Instagram-Account @jung_synodal haben wir in der Woche vor dem Treffen in Stuttgart Reels mit unseren Redebeiträgen aus der Zeit des Synodalen Weges geteilt. Hier wurde nochmal sichtbar, dass wir inhaltlich bereits so gut wie alles angesprochen haben. Es gibt nur noch sehr wenige Argumente, die noch nicht gesagt wurden. Und das führt doch zu einer Ernüchterung: Was können wir noch tun, damit die relevanten Themen an den richtigen Stellen Gehör finden?

Insgesamt lässt sich sagen, dass wir als Junge Synodale einen wichtigen Beitrag zum Synodalen Weg geleistet haben. Wir konnten uns in den Synodalversammlungen, in den verschiedenen Foren und Schreibgruppen gut einbringen. Darüber hinaus haben wir uns an den verschiedensten Stellen bemüht, Transparenz bezüglich der Inhalte und Vorhaben des Synodalen Weges herzustellen: sei es in Präsenz- oder Online-Veranstaltungen, zu denen wir eingeladen wären, in persönlichem Kontakt oder über Social Media. Gerade über unseren Instagram-Account konnten wir viele synodal Interessierte erreichen und mit ihnen ins Gespräch kommen. Wir haben, so würde ich meinen, die Perspektive junger Menschen und derjenigen, die sich noch Reformen in unserer Kirche erhoffen, gut vertreten. Immer gemeinsam mit anderen, wie beispielsweise den Vertreter*innen der pastoralen Berufsgruppen, den Ordensleuten oder den Vertreter*innen der Erwachsenenverbänden. 

Frage 3: In der Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung haben sich 96 Prozent für Reformen in der katholischen Kirche ausgesprochen. Inwieweit hat der Synodale Weg Rückenwind oder Gegenwind für Reformen in Deutschland gebracht? Und was erwarten Sie an Reaktionen aus dem Vatikan? 

Ich erwarte, dass die entsprechenden Verantwortlichen in Rom sobald wie möglich der Satzung der Synodalkonferenz zustimmen und damit eine zeitnahe Einsetzung der Synodalkonferenz ermöglichen. Im Vorfeld gab es viele Absprachen, so dass an dieser Stelle hoffentlich keine überraschende Ablehnung mehr zu erwarten ist. Wir haben in den letzten Jahren, dass sich das deutsche vom römischen Synodalverständnis etwas unterscheidet. Jedes Land, jede Kultur lebt Synodalität etwas unterschiedlich. Und das darf und soll so auch nebeneinander stehen bleiben. Wir brauchen keine Uniformität, sondern Pluralität, um auch in Zukunft auf Fragen der Zeit antworten zu können. Ich denke, hier sind wir in Deutschland einen kleinen Schritt weitergekommen – wir haben uns in Synodalität geübt, neue Formen von Synodalität ausprobiert und dürfen nun nicht das Handtuch werfen, nur weil es sich von der römischen Art unterscheidet. Im Gegenteil: Wir können uns gegenseitig bereichern. Dafür braucht es Menschen, die sich als Botschafter*innen oder Multiplikator*innen auf das Gegenüber einlassen können und von eigenen Erfahrungen und Themen berichten. Auch wenn insgesamt noch nicht allzu viel an Reformen umgesetzt wurde, so hat der Synodale Weg diese doch beschleunigt. Wo stünden wir jetzt, wenn die Themen des Missbrauchs und der strukturellen Faktoren in Kirche nicht besprochen worden wären? Wichtig erscheint mir, dass die Verantwortlichen sich nun gemeinsam mit aller Kraft daransetzen, die guten Ideen und Beschlüsse des Synodalen Weges an ihren jeweiligen Orten anzugehen. Und dafür braucht es Gläubige, die diese Reformen überall einfordern und ihre eigene auch strukturelle Verantwortung reflektieren.

Das Interview führte Christian Schnaubelt, Chefredakteur und Herausgeber der Portale explizit.net und kath.de, der alle Synodalversammlungen des Synodalen Weges als Journalist begleitet hat. 

Hinweis: Weitere Artikel zum Thema "Synodale Kirche" erscheinen hier: https://explizit.net/monatsthema/


Kategorie: Monatsthema

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