Foto: Christian Schnaubelt / kath.de

Synodaler Weg: Interview mit Johannes Norpoth (Betroffenenbeirat)

Am 31. Januar endete die sechste und letzte Synodalversammlung des Synodalen Weges in Stuttgart. Nach sechs Jahren ist es Zeit Bilanz zu ziehen und zu fragen: Ist das Glas halb voll oder halb leer? Die Portale explizit.net und kath.de führen dazu eine Interviewreihe durch. Heute: Johannes Norpoth aus dem Betroffenenbeirat bei der DBK.

Eine Artikel im Rahmen des Monatsthemas "Synodale Kirche" der Portale explzit.net und kath.de. 

Frage 1: Herr Norpoth, am 31. Januar endete die sechste und letzte Synodalversammlung des Synodalen Weges. Was ergaben die Evaluation und die Beratungen in den letzten drei Tagen in Stuttgart? Und wie lautet ihr persönliches Fazit als beratendes Mitglied des Gremiums? 

Die Evaluationsergebnisse waren doch ernüchternd: Viele Synodale sehen bislang nur einen geringen Beitrag des Synodalen Weges zur Behebung der systemischen Ursachen sexualisierter Gewalt und zur Wiedergewinnung von Vertrauen – aber einen deutlich größeren Beitrag zur Enttabuisierung von Themen und zur Anerkennung bisher diskriminierter Gruppen. 

Die Beratungen in Stuttgart haben diese gemischte Bilanz bestätigt: Es gibt Fortschritte bei Prävention, Beteiligungsstrukturen und beim offenen Sprechen über Macht, Gewaltenteilung, Geschlechtergerechtigkeit und Sexualmoral, zugleich bestehen bei der Aufarbeitung und im Umgang mit Betroffenen weiterhin massive Defizite.

Mein persönliches Fazit lautet deshalb: Der Synodale Weg hat Türen geöffnet und wichtige Prozesse angestoßen. In der Überwindung der Missbrauchskrise liegt aber sicher noch viel Wegstrecke vor uns und das nicht nur für den Klerus, sondern insbesondere auch für die Laien.

Frage 2: Sie engagieren sich im Betroffenenbeirat bei der Deutschen Bischofskonferenz. Wie lautet dessen Fazit zum Synodalen Weg. Ist das Glas halb voll odr halb leer?

Aus Sicht von Betroffenen ist die Bilanz ebenfalls zweigeteilt: Die Einrichtung von Betroffenenbeirat, Sachverständigenrat und unabhängigen Aufarbeitungskommissionen in nahezu allen Bistümern sind wichtige Schritte, die ohne den Druck von Betroffenen, Politik und Öffentlichkeit, auch der innerkirchlichen Öffentlichkeit durch den Synodalen Weg so nicht unbedingt gekommen wären.

Zugleich erleben wir weiterhin erhebliche Defizite. Etwa beim Anerkennungssystem. Hier hat der Betroffenenbeirat ja schon zu Beginn des Synodalen Wegs der Bischofskonferenz mögliche Gestaltung- und Weiterentwicklungsperspektiven aufgezeigt, nur leider haben die Bischöfe einer solchen Weiterentwicklung nicht zugestimmt.

Ein anderer, wesentlicher Aspekt ist eine wirkliche Unabhängigkeit der Unterstützungsstrukturen für Betroffenenbeirat und Sachverständigenrat. Da wollte und will man die eigenen Einflussmöglichkeiten nicht aufgeben.

Wenn Sie so wollen:

Das Glas ist nicht leer, aber deutlich zu wenig gefüllt – und es wird nur dann voller werden, wenn Beschlüsse und Ordnungen konsequent umgesetzt und Unabhängigkeit der dort Engagierten endlich ermöglicht wird.

Frage 3: In der Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung haben sich 96 Prozent für Reformen in der katholischen Kirche ausgesprochen. Inwieweit hat der Synodale Weg Rückenwind oder Gegenwind für Reformen in Deutschland gebracht? Und was erwarten Sie an Reaktionen aus dem Vatikan?

Die hohe Zustimmung zu Reformen zeigt, wie groß der Druck in der Kirche ist. Vor diesem Hintergrund hat der Synodale Weg beides gebracht: Rückenwind, weil Reformthemen wie Machtkontrolle, Geschlechtergerechtigkeit, eine erneuerte Sexualethik sowie ein liberaleres kirchliches Arbeitsrecht und Segensfeiern für gleichgeschlechtliche Paare überhaupt erst offiziell beraten, beschlossen und in Teilen umgesetzt wurden.

Gleichzeitig erleben wir Gegenwind: Die Evaluation und das Monitoring machen sichtbar, dass die Umsetzung vieler Beschlüsse deutlich langsamer als erwartet von statten geht. Ob das an fehlendem politischem Willen und Transparenz in den Diözesen oder auch an der Vielzahl der Problemstellungen liegt, vermag ich an dieser Stelle nicht zu beurteilen. Fest steht aber: Der Frust vieler Gläubiger wächst bisher unaufhaltsam weiter!

Vom Vatikan erwarte ich keinen Beifall auf offener Bühne, aber einen intensiven, durchaus spannungsreichen,  Dialog: Es gibt Signale, dass Rom die geplante Synodalkonferenz als gemeinsames Beratungsorgan von Bischöfen und Laien akzeptieren könnte, zugleich bleiben zentrale inhaltliche Reformen umstritten. 

Entscheidend wird sein, ob der Vatikan den deutschen Prozess als konstruktiven Beitrag zur Bewältigung von Missbrauchskrise UND zur Stärkung der Glaubwürdigkeit der Kirche versteht. Wobei: Zunächst sind die Bischöfe am Zug, denn die müssen Ende Februar die Satzung der Synodalkonferenz beschließen. Erst dann wird Rom am Zug sein. 

Das Interview führte Christian Schnaubelt, Chefredakteur und Herausgeber der Portale explizit.net und kath.de, der alle Synodalversammlungen des Synodalen Weges als Journalist begleitet hat. 

Hinweis: Weitere Artikel zum Thema "Synodale Kirche" erscheinen hier: https://explizit.net/monatsthema/


Kategorie: Monatsthema

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