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Prof. Söding (re.) - Foto: Markus Hauck (POW)

Söding: "Der Katholikentag war ein Fest des Glaubens. Und deshalb politisch."

Vom 13.-17. Mai fand der 104. Deutsche Katholikentag statt. Unter dem Motto "Hab Mut, steh auf!" kamen dabei rund 74.000 Teilnehmer:innen und Besucher:innen in Würzburg zusammen. Zudem wurden die Gottesdienste live im Fernsehen übertragen. explizit.net und kath.de befragten ZdK-Vizepräsident Prof. Thomas Söding nach seinem Fazit.

Frage 1: Herr Prof. Söding, der 104. Deutsche Katholikentag ist beendet. Welches Fazit ziehen Sie? 

Söding: Es war ein starker Katholikentag. Er kam zur richtigen Zeit, er war am richtigen Ort. Nicht nur die Stimmung war gut, auch der Spirit. Die katholische Kirche kann Feste feiern. Der Katholikentag war ein Fest des Glaubens. Und deshalb politisch. Volle Kirchen, volle Hallen, ein überbuchtes Zentrum für Bibel und Spiritualität, stille Momente der Andacht und starke Positionen christlicher Hoffnung, bis in den Schlussgottesdienst hinein, die Kirchenmeile als Corso der katholischen Kirche mit vielen Verbündeten und abends die ganze Innenstadt als Lichtermeer des Segens: Es hat sehr vieles gepasst. Einziges Manko: dass viele Kirchen und Hallen wegen Überfüllung für diejenigen gesperrt werden mussten, die zu spät gekommen waren. Aber das zeigt im Umkehrschluss, wie wichtig dieser Katholikentag den mehr als 70.000 Menschen war, die ihn besucht und genossen haben.

Frage 2: ZdK und DBK haben betont, dass der Katholikentag 2026 politische Zeichen in Kirche und Gesellschaft gesetzt hat. Welche waren dies aus Ihrer Sicht und gibt es aus Ihrer Sicht auch Themen, die in Würzburg zu kurz gekommen sind?  

Söding: Der Katholikentag war immer politisch und wird es immer bleiben – so wie er immer geistlich war und immer geistlich bleiben wird. Allerdings immer so, wie es der Zeit gemäß ist.

Was diesmal auffiel: Wie intensiv die Beteiligung war, quantitativ und qualitativ. Relevante Themen mit Respekt besprechen, Argumente wägen, Hinhören und Mitreden, erst Nachdenken, dann Sprechen – ja, es gab Ausnahmen, aber in der Regel hat diese Kultur die diskursiven Veranstaltungen geprägt. Ich habe gedacht: Das ist das Gegenprogramm zu der Kommunikation in Schnipseln und Blasen, von der die digitale Welt verseucht ist. Das ist die Alternative zu den Eskalationsspiralen, die nur auf Klickzahlen zielen, nicht auf echten Austausch. Früher gingen viele auf Katholikentage, um die Revolution auszurufen. Heute findet man dort Glaube und Vernunft. Das ist der Treiber für Reformen, in Kirche und Gesellschaft.

Die politischen Themen waren antizyklisch gesetzt: Die Klimakrise verschärft sich, die soziale Frage auch. Der Populismus scheint obenauf zu sein, auch wenn er alles runterzieht. Was künftig noch mehr gebraucht wird: wirtschaftlicher Sachverstand, reflektierte Verwaltungspraxis – die Expertise für jenen Realismus, der die Umsetzung verantworten muss. Und: Der Katholikentag hat die politische Mitte bestärkt. Sie hat die strukturelle Mehrheit – aber die ist nicht selbstverständlich, sondern muss erarbeitet werden. Das hat der Katholikentag getan. Die AfD-Funktionäre bekommen keine Bühne. Alle, die zu der Partei neigen, sind – wenn sie Augen und Ohren nicht komplett verschlossen haben – unsicherer geworden, egal, ob sie in Würzburg vor Ort waren oder aus den Medien vom Katholikentag erfahren haben.

Frage 3: Beim Katholikentag fand ein Treffen sowie eine Podiumsdiskussion mit Mario Kardinal Grech aus dem Vatikan statt. Hat es dadurch "Rückenwind" oder "Gegenwind" für den "Gemeinsamen Rat" in Deutschland gegeben? 

Dass Kardinal Grech, der Chef des vatikanischen Synodensekretariates, nach Würzburg gekommen ist, war ein wichtiges Signal. Die Sprachlosigkeit ist vorbei. Grüße vom Papst hat er ausgerichtet. Ihm ist deutlich geworden, wie lebendig, wie erwartungsstark, wie sprachkräftig die katholische Kirche in Deutschland ist, nicht zuletzt bei jungen Leuten. Wer genau hingehört hat, was der Kardinal gesagt hat, konnte verstehen: Für Synodalität braucht es einen langen Artem. Verbotsschilder werden nicht aufgestellt. Der Synodale Weg in Deutschland geht weiter. Er ist Teil eines weltweiten Aufbruchs. Unterschiedliche Länder und Kulturen brauchen unterschiedliche Formen. Gemeinsam ist: mehr Teilhabe, mehr Rechenschaft, mehr Geist, mehr Glaube, mehr Liebe, mehr Hoffnung.

Zusatzfrage: Beim Katholikentag in Würzburg wurde der Ruf nach einem Ökumenischen Kirchentag wieder lauter. Wie stehen Sie dazu? 

Zu einem Ökumenischen Kirchentag braucht es immer mindestens zwei Partner. Der Katholikentag selbst ist ökumenisch wie nie: durch die enge Freundschaft mit dem Evangelischen Kirchentag, durch eine Fülle von ökumenischen Begegnungen, Themen, Gottesdiensten, nicht zuletzt durch die Art, katholisch sein. Das ist entscheidend: nicht gegen andere zu glauben, sondern mit ihnen, kein Profil auf Kosten anderer zu suchen, sondern Bündnisse zu schmieden und gemeinsam in einer aufgewühlten Welt Hoffnung auf Gott zu machen, der den Menschen nahe ist, auch wenn sie ihn nicht erkennen.

Prof. Dr. Thomas Söding ist Vizepräsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) und war von 2008-2026 Inhaber des Lehrstuhls für Neues Testament an der Ruhr Universität Bochum (RUB).

Das Interview führte Christian Schnaubelt, Chefredakteur und Herausgeber der Portale explizit.net und kath.de, die den Katholikentag 2026 in Würzburg vom 11.-17. Mai vor Ort begleitet haben. 


Kategorie: Kirche

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