Bild: Christian Schnaubelt (generiert mit KI von Adobe Firefly 2)

2024: Veränderungen oder Stillstand in der katholischen Kirche?

explizit.net - Chefredakteur Christian Schnaubelt hat im ersten Beitrag am 31.12.2023 einen Blick zurück geworfen und wagt in diesem zweiten Beitrag einen Blick in die Glaskugel auf das nächste Jahr, dem elften Jahr des Pontifikates von Papst Franziskus, indem auch der zweite Teil der Weltsynode in Rom stattfindet.

Doch bevor wir den Blick nach Rom richten, schauen wir erst einmal auf die Kirche in Deutschland:

In der deutschen Kirche stehen in diesem Jahr zwei Ereignisse an, die – so oder so – wahrscheinlich die deutsche Kirche in den nächsten Jahren entscheidend prägen werden:

1. Katholikentag in Erfurt

Vom 29.Mai bis 02. Juni 2024 wird der 103. Deutsche Katholikentag in Erfurt unter dem Leitwort
„Zukunft hat der Mensch des Friedens“ stattfinden.

Nach der lauten Kritik am letzten „Katholikentag“ in Stuttgart (teuer, aufwändig und nur mittelmäßig besucht) haben die Organisator:innen reagiert. In Erfurt soll ein kleineres aber fokussierteres Programm mit rund 500 Veranstaltungen stattfinden. Gleichzeitig möchte der „Katholikentag“ auch wieder politischer werden: Er soll ein „Zeichen für Demokratie und Vielfalt“ werden und will sich klar für Rechtsstaatlichkeit, für Menschlichkeit und Solidarität bekennen. (Quelle: https://www.katholikentag.de/fileadmin/user_upload/Katholikentag_als_Zeichen_fuer_Demokratie_und_Vielfalt.pdf).

2024 wird sich zeigen, ob das neue Konzept „greift“ und der „Katholikentag“ als eigenständiges Großevent eine Zukunft hat oder der Vorschlag, auf „Katholikentage“ und „Kirchentage“ zu verzichten und stattdessen gemeinsame „Ökumenische Kirchentage“ durchzuführen, eine Chance hat?

Übrigens: Im Kommentar auf kath.de bewertete explizit.net – Chefredakteur Christian Schnaubelt den letzten „Katholikentag“ in Stuttgart: https://kath.de/kommentar/2022-06-03-gemeinsam-statt-einsam.

2. „Synodaler Ausschuss“ (und die Umsetzung der Beschlüsse des „Synodalen Weges“)  

Nach dem vielerorts als „erfolgreich“ bewerteten Start des „Synodalen Ausschusses“ im November 2023 in Essen wird dieser 2024 seine Arbeit aufnehmen (wenn nach dem ZdK auch die DBK bei der Frühjahrsvollversammlung "grünes Licht" für dessen Satzung gibt). Hierbei wird sich rausstellen, ob der gemeinsame beschworene Geist des „Synodalen Weges“ zwischen ZdK und DBK – Vertreter:innen sich im Alltag „bewähren“ wird oder ob der Ausschuss das Schicksal eines „Papiertigers“ droht?

Für das ZdK hat die 6. Kirchenmitgliedschaftsstudie im letzten Jahr verdeutlicht, dass „Reformen wichtiger denn je sind“ (Präsidentin Irme Stetter-Karp) und die ZdK-Vollversammlung hat daher der Satzung des neuen Gremiums eine breite Zustimmung erteilt. Rückenwind gibt dabei interessanterweise die gleiche Studie, die auch den Bedeutungsverlust beider Kirchen in Deutschland belegt. Laut Dr. Tobias Kläden von der von der Katholischen Arbeitsstelle für missionarische Pastoral wollen die befragten Katholik:innen in Deutschland Reformen: „Den Kirchen wird insgesamt jedoch keine Gleichgültigkeit entgegengebracht, vielmehr bestehen erhebliche Erwartungen an sie. Besonders die katholischen Befragten sprechen sich ganz überwiegend für klare Reformen ihrer Kirche aus“.

Entscheidend für die Wirksamkeit und Akzeptanz des „Synodalen Ausschusses“ wird sicherlich auch sein, wie die 15 Beschlüsse des im letzten Jahr zu Ende gegangenen dreijährigen Prozesses „Synodaler Weg“ in den (Erz-) Bistümern umgesetzt werden. Hier gab es zwar eine Selbstverpflichtung aller Teilnehmer:innen (inkl. der Bischöfe), aber bei vielen Punkten entscheidet der jeweilige Ortsbischof, ob und wie und wann die Umsetzung erfolgen soll. Dementsprechend gibt es bereits jetzt eine „Ungleichzeitigkeit“: In einigen Diözesen sind bereits wichtige Umsetzungen erfolgt, in anderen stehen sie noch aus und einige wollen die Ergebnisse vorerst nicht umsetzen, bis aus Rom „grünes Licht“ kommt. Im Fall der Segensfeiern hat Rom diesen Schritt im Dezember 2023 überraschend getan. Wenn auch mit Einschränkungen, aber dennoch ist das Signal von Papst Franziskus klar. Er ändert die bisherige Sexualmoral nicht, gleichzeitig gibt er aber den Reformvorschlägen Raum und „befriedet“ damit eine erhitzte Diskussion. Vorerst. Entscheidungen zu anderen Themen stehen noch aus. Vielleicht wird die zweite und abschließende Sitzung der Weltsynode im Oktober 2024 in Rom hier Weichen stellen?

Zusätzlich werden uns im Jahr 2024 das Thema „Künstliche Intelligenz“, ein bundesweites Großevent der katholischen Jugend und wahrscheinlich weitere personelle Entscheidungen aus Rom erwarten:

Künstliche Intelligenz - Deus Ex Machina?

Das Thema Künstliche Intelligenz und die Frage, wie KI die Kirche verändern wird, wird das Jahr 2024 prägen. Erste Bistümern (wie das Bistum Essen) schreiten hier als Pioneer:innen voran, andere sind noch zurückhaltend oder abwartend. Jenseits vom Hype oder Zukunftsängsten wird das Thema KI die Glaubenskommunikation definitiv verändern. Was das für die Kirchen im DACH – Raum bedeutet, wird auch beim „Klassentreffen der kirchlichen Onliner:innen“ - der ökumenischen Tagung „Kirche im Web“. Diese wird - mit dem Thema „Die KI – Deus Ex Machina“ - vom 29.02.2024 – 01.03.2024 in der Katholischen Akademie Bayern in München – hybrid beraten werden (https://kirche-im-web.net).

Übrigens: Der explizit.net herausgebende Verein publicatio e.V. (www.publicatio-verein.net) ist Kooperationspartner des Aschendorff – Buchverlages beim Praxishandbuch „Gott ist online“ , welches 2024 erscheinen wird. Dabei wird die Frage behandelt werden, wie Kirche & NGOs Digitalisierung und Künstliche Intelligenz in der Glaubenskommunikation richtig eingesetzt können (www.gottist.online).    


72-Stunden-Aktion 2024

Vom 18.-21. April 2024 wird die bundesweite Sozialaktion des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) erneut stattfinden. Unter dem Motto „Uns schickt der Himmel“ wollen (kath.) Jugendgruppen und Schulklassen in nur drei Tagen soziale Projekte umsetzen und dazu beitragen, „in 72 Stunden die Welt ein Stückchen besser machen“. Die Projekte sollen dabei nachhaltig angelegt sein.

Bundesjugendministerin Lisa Paus und DBK-Vorsitzender Bischof Dr. Georg Bätzing haben die Schirmpat:innenschaft der #72h – Aktion übernommen. An der letzten bundesweiten Aktion im Jahr 2019 hatten rund 160.000 engagierte junge Menschen mitgewirkt, parallel auch in 13 anderen Ländern.

Besetzung der vakanten Bischofsstühle

Nach der „Doppelernennung“ vom 09. Dezember 2023 sind aktuell „nur“ noch zwei deutsche Bistümer Osnabrück (nach dem von Papst anerkannten Rücktritt von Bischof Bode) und Stuttgart (nach dem altersbedingten Ausscheiden von Bischof Fürst) vakant. Warum Papst Franziskus die deutschen Bistümer so lange warten lässt, darüber wird viel spekuliert. „Bedeutungsverlust“ der Deutschen Kirche und „Abstrafung“ für den Synodalen Weg auf der einen Seite oder nur ein normaler Vorgang in den die langsamen vatikanischen Amtsstuben oder gar „Personalmangel“ auf der anderen Seite?

Werfen wir nun einen Blick in den Vatikan, wo 2024 gleich drei Großereignisse bevorstehen:

1. Internationale Ministrantenwallfahrt

Vom 29. Juli bis zum 3. August 2024 wird die internationale Ministrantenwallfahrt des Internationalen Ministrantenbundes Coetus Internationalis Ministrantium (CIM) nach Rom stattfinden. Unter dem Wallfahrtsmotto „mit dir“ (Jes 41,10) werden Tausende Messdiener:innen den Vatikan und Rom eine Woche lang ein junges Gesicht geben. Letztes Mal nahmen 50.000 deutsche Teilnehmer:innen teil.

Die Internationale Ministrantenwallfahrt fand erstmals 1962 statt und wird seitdem regelmäßig alle vier bis fünf Jahre durchgeführt. An der letzten Wallfahrt nahmen 2018 rund 60.000 junge Menschen teil. Die Wallfahrt 2024 wurde - zuerst wegen des im selben Jahr geplanten Weltjugendtages 2022 und anschließend wegen der Corona-Pandemie - um insgesamt zwei Jahre nach hinten verschoben.

2. Abschluss der Weltsynode

Im Oktober 2023 hatten beim ersten Teil der Weltsynode Bischöfe und Lai:innen gemeinsam einen Monat lang intensiv in Rom beraten und abschließende einen „Synthese-Bericht“ erstellt (https://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/dossiers_2023/2023.10.28-DEU-Synthese-Bericht.pdf). Der zweite Teil der Weltsynode - mit der Erstellung und Abstimmung eines Abschlussdokumentes zur Entscheidung durch Papst Franziskus – wird im Oktober 2024 ebenfalls in Rom stattfinden. Wie der Heilige Vater mit den Voten der 350 Synodenmitglieder (darunter 54 Frauen) umgehen wird, wird sich aus Sicht von Beobachter:innen und Medien wohl auch entscheiden, welches „Erbe“ das Pontifikat von Papst Franziskus hinterlassen wird. Bisher hat Papst Franziskus die Grundlinie seiner Vorgänger in vielen Punkten (z.B. der Sexuallehre) nicht verlassen, gleichzeitig „an den Rändern“ mehr Spielraum für Veränderungen und Reformen in den Ortskirchen geschaffen.

Eine Zerreißprobe, da sowohl Befürworter:innen von Reformen von Papst Franziskus enttäuscht sind (da es zu wenige und zu langsame Reformen sind) als auch die Gegner:innen von Reformen (die eine Aufweichung der traditionellen Lehre durch die „Zugeständnisse“ von Papst Franziskus ablehnen). Zudem gibt es in der Kurie Widerstand gegen die von Papst Franziskus veranlassten Umstrukturierungen der Dikasterien und seine Personalia-Entscheidungen. Bei diesen spielten zuletzt deutsche (Erz-) Bischöfe oder Kardinäle übrigens keine Rolle mehr. Ob sich dies 2024 ändern wird?    
 
3. Eröffnung des Heiligen Jahres 2025


Für den 24. Dezember 2024 steht ein besonderer Termin im Kalender von Papst Franziskus. Dann wird er die „Heilige Pforte“ am Petersdom öffnen und damit das Heilige Jahr 2025 einläuten, welches bis Dezember 2025 geht. In der Regel findet alle 25 Jahre ein „Heiliges Jahr“ statt, zu dem wieder eine große Zahl an Pilger:innen in Rom erwartet wird.

Im „Heiligen Jahr“ gewährt der Papst den Gläubigen - bei Erfüllung bestimmter Bedingungen - einen vollständigen Ablass ihrer Sünden. Bonifatius VIII. rief 1300 erstmals ein solches Jahr für die Pilger:innen aus, die nach Rom kamen. Das letzte Heilige Jahr fand vom 8. Dezember 2015 bis 20. November 2016 statt und wahr gleichzeitig ein außerordentliches „Heiliges Jahr der Barmherzigkeit“ anlässlich des 50. Jahrestages des Abschlusses des Zweiten Vatikanischen Konzils.

Reiseplan von Papst Franziskus noch unklar

Die Reisepläne von Papst Franziskus für 2024 sind aktuell noch recht vage. Dies dürfte größtenteils der im letzten Jahr angeschlagenen gesundheitlichen Situation des Heiligen Vaters und dem vollen Terminplan im Rom für dieses Jahr geschuldet sein. Im September 2024 findet allerdings der „Eucharistische Weltkongress“ in Ecuador statt, an dem eine Teilnahme eines Papstes erwartet wird.

Wird es auch 2024 weitere Überraschungen aus dem Vatikan geben?

Viele umstrittene Themen werden im Oktober 2024 auf der Weltsynode in Rom beraten werden. Medien gehen davon aus, Papst Franziskus erst diese Voten vor einer möglichen Entscheidung  abwarten wird. Andererseits überraschte der Heilige Vater im Dezember letzten Jahres mit der  Entscheidung zu Segensfeier selbst erfahrene „vaticanisti“. Vielleicht auch 2024?

Denn für Beobachter:innen scheint es so, dass der Heilige Vater bereits sein „theologisches Vermächtnis“ – für die Zeit nach seinem Pontifikat - selber vorbereitet. Die Veröffentlichung der ersten Enzyklika von Papst Franziskus - „Lumen fidei“ am 29.06.2023 sowie die Neubesetzung der Präfekten der Glaubenskongregation durch Kardinal Víctor Manuel Fernández – werden dafür als Belege genannt.  

Fazit: 2024 wird sich entscheiden, ob die zaghaften – aber mutmachenden - Veränderungen aus 2023 fortgesetzt werden oder wieder Stillstand herrscht. Die 6. Kirchenmitgliedschaftsstudie 2023 hat gezeigt, dass die überwiegende Zahl der Mitglieder in Deutschland von „ihrer“ katholischen Kirche „klare Reformen“ (Dr. Tobias Kläden) erwartet. Ebenso setzt sich das ZdK für Veränderungen ein: „Reformen sind wichtiger denn je“ (Irme Stetter-Karp). Die Geduld und die Hoffnung der Gläubigen schwinden, besonders bei den jungen Generationen. Ein „Aussitzen“ der Reformen wird nicht möglich sein und Bischöfe, wie der Essener Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck, sprechen sich klar gegen Stillstand aus: „Unser Glaube an den lebendigen Gott verträgt keinen Stillstand. Jeder Versuch, im Namen einer angeblich unveränderlichen Tradition bedingungslos alle Veränderungen zu verhindern, ist zum Scheitern verurteilt“, so Bischof Overbeck in seiner Botschaft zum Jahr 2024, dass ein echtes „Weichenstellungsjahr“ zu der Frage werden könnte: Veränderungen oder des Stilstand in der katholischen Kirche?

Die Portale www.explizit.net und www.kath.de werden die Entwicklungen in der katholischen Kirche – in Deutschland, im Vatikan und zukünftig verstärkt auch weltweit, dokumentieren und kommentieren.

Text:
Christian Schnaubelt
Chefredakteur explizit.net und kath.de


P.S.: Lesen Sie vom gleichen Autor auch den Jahresrückblick 2023:

2023: Dunkle Wolken, aber auch (unerwartete) Lichtblicke
https://explizit.net/artikel/2023-dunkle-wolken-aber-auch-unerwartete-lichtblicke/


Kategorie: Kirche

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