St. Kilian Heilbronn, Foto: explizit.net, E.B.

Sex, um katholisch zu sein?

Der katholische Synodale Weg hat eine sehr positive Sicht der Sexualität entwickelt, nicht nur für die heterosexuell in einer Ehe Lebenden. Was ist aber mit denen, die die Gesellschaft als übersexualisiert erleben und den Druck spüren, sexuell aktiv sein zu müssen. ARTE lässt sie zu Wort kommen, während der Synodale Weg diesen Druck Zeitgeist-konform noch mal erhöht.

ARTE, 6 Interviews von Menschen, die sich dem Druck entziehen, sexuell aktiv sein zu müssen: „No Sex“        https://www.arte.tv/de/videos/104472-000-A/no-sex/
Die Interviews sind besser als der Artikel hier.
Ich habe, aus journalistischer Pflicht, das Sexualpapier des Synodalen Weges gelesen. Es stellt Sexualität so positiv dar, dass man sich weniger als Katholik denn als Zeitgenosse wundert. Kein Wort, dass Männer oft ganz anders "ticken" als Frauen, dass Sexualität oft mit Gewalt verknüpft ist. Die katholische Tradition, dass die Sexualität und auch ihr Vollzug von der Biologie auf Zeugung angelegt ist, spielt für die Beurteilung keine Rolle. Der eigentliche Punkt, warum das Dokument nicht in die Zeit, also in dieses säkularisierte Zeitalter passt, wurde mir erst an Interviews deutlich, die ARTE mit drei Frauen, zwei Männern und einem Paar gesendet hat, die alle sexuell abstinent leben. Sie kommen in zwei Punkten überein:

  1. Sexualität trägt die Sehnsucht nach Liebe in sich, erfüllt diese aber oft nicht.
  2. Sexualität unterliegt vielfältigem Druck, als Erwachsener gilt man nicht als normal, wenn man kein Sexualeben hat, Frauen müssen sich als begehrt erleben und haben die Aufgabe, Männer zufriedenzustellen.

Im Kontrast der Interviews zu dem Dokument des Synodalen Weges wird deutlich: Wer ganz auf den Zeitgeist einschwenkt, verliert die aus dem Blick, die sich nicht als normal empfinden können, weil sie nicht mitmachen, was der Zeitgeist verlangt. Dieser macht allerdings das, was das synodale Dokument so blumig beschreibt – Liebe, Zärtlichkeit, sich auch mit seinem Körper akzeptiert fühlen – oft unmöglich. Faktisch verstärkt die Katholische Kirche den Druck, nicht nur zärtlich, sondern genital aktiv zu sein und unterläuft ihr Versprechen, dass Sexualität als eine Gottesgabe erlebt werden kann. Denn der Druck, den diese Kirche früher in Richtung Enthaltsamkeit erzeugt hat, wird weiter ausgeübt, nur in der entgegengesetzten Richtung. Das diese Kirche nicht mit Sexualität zurechtkommt, wird an dem Film deutlich, der nicht von einer Kirchenredaktion gemacht wurde. Es werden nicht pathologische Personen vorgestellt, sondern sensible Menschen, die an der Übersexualisierung leiden. Weiter wurde ein Paar interviewt, das sich während des ganzen Interviews die Hände hält. Beide erklärten sich als a-sexuell. In ihrer Beziehung habe Zärtlichkeit eine große Bedeutung, Sexualität jedoch nicht. Auch sie passen nicht in die Gesellschaft, denn sie werden als "behindert" eingestuft.

Die Interviews sollen hier nicht weiter referiert werden, das würde nämlich bedeuten, dass man diesen Film nicht gesehen haben muss. Hier der Link zu No Sex

Die Aussagen des Synodalen Weges verstärken den Druck, sexuell aktiv zu sein

Die Katholiken, die nach Orientierung fragen, suchen diese schon lange nicht mehr bei dem Lehramt ihrer Kirche. Der Synodale Weg wollte diese Orientierung zeitgemäß geben. Wer den Film gesehen hat, weiß, dass es so flockig nicht geht, wie die Männer und Frauen des Synodalen Weges die Sexualität beschreiben, die hinter verschlossenen Türen ein Papier ausgebrütet haben. Wie die Texte des Lehramtes wurde auch diese Orientierung von den Katholiken weitgehend nicht gelesen. Stellt man die Interviews bei Arte dagegen, dann wird deutlich, wie der Synodale Weg in die Irre gegangen ist. Er hat nicht nur das Minenfeld Sexualität zu euphorisch beschrieben, sondern durch die Themen, die es aus dem Feld der Sexualität aufgreift, den Druck verstärkt, sexuell aktiv sein zu müssen. Das tut die Gesellschaft schon im Übermaß, wie die Interviewten aus ihren Erfahrungen heraus berichten – nicht nur Frauen. Damit läuft auch der Synodale Weg in eine typische Sackgasse katholischer Denkabläufe:

Einen Trend propagieren, weil es gerade gesellschaftlich angesagt ist

Es wird etwas herausgegriffen und damit so in den Vordergrund gestellt, dass es zartere Pflanzen unterdrückt. Das traf bereits auf die Sicht der Sexualität zu, die im 19. Jahrhundert seitens der Kirche ganz von einer prüden Gesellschaft übernommen wurde. Das lässt sich an Fotos sofort erkennen. Die Frauen trugen lange Kleider, für die jetzige Sicht der Sexualität sind der Minirock und Nabelfreiheit die Weise, wie Frauen sich darstellen sollen.
Es ist die katholische Unfähigkeit, Prozesse in der Gesellschaft und der Kirche in ihrer Langzeitwirkung abzuschätzen. Der Synodale Weg hat zur Lehre erhoben, was die Gesellschaft schon wieder kritisch sieht, je mehr Sex, umso besser für die Psyche. Das konnte in den siebziger Jahren noch als unproblematisch gesehen werden. Da war „lustfeindlich“ ein Vorwurf, der funktionierte. In Zeiten der Sexuellen Revolution bestimmten die Aktiven die öffentliche Meinung. Heute sind doch die Interviewten in ihrer sensiblen Wahrnehmung der gesellschaftlichen Strömungen die Vorhut einer neuen Einstellung gegenüber der Sexualität.
Stellt man die Interviews bei ARTE neben die Aussagen des Textes, dann ist dieser eindeutig den Kräften zuzuordnen, unter denen die Interviewten leiden: Etwas tun zu müssen, um dazugehören zu dürfen und als normal eingeschätzt zu werden.
Was der Synodale Weg auch ausblendet, ist der hohe Bedarf an Pornografie.

Anpassung an den Zeitgeist ist nicht Aufgabe einer Kirche

Das, was Christen immer konnten, nicht auf die Versprechungen des Augenblicks hereinzufallen, weil sie zu einem anderen Reich unterwegs sind, ist der deutschen Kirche völlig abhanden gekommen. Das wird nicht zuletzt an der schweren Lesbarkeit der Synodentexte deutlich, die in einer sich windenden Sprache Sexualität zu einem Medium der Gotteserfahrung hochstilisiert. Die Menschen, die aus ihrer Gottsuche heraus auf Sexualität verzichten, haben in der Kirche, die der Synodale Weg konstruiert, keinen Platz mehr. Wenn schon die Sexualität mit Gott so in Beziehung gesetzt wird, wo bleibt der Grundzug der Bibel, dass Gott bei denen ist, die nicht mithalten können.

 

Anhang: Zitate aus „Liebe leben in Sexualität und Partnerschaft

Das Dokument ist hier zu finden „Leben in gelingenden Beziehungen - Liebe leben in Sexualität und Partnerschaft“ https://www.synodalerweg.de/fileadmin/Synodalerweg/Dokumente_Reden_Beitraege/SV-IV/SV-IV_Synodalforum-IV-Grundtext-Lesung2.pdf
Nach einem Hinweis auf dem Titelblatt erhielt es in dem Forum, in dem es entwickelt wurde, 19 Ja-Stimmen, 3 Neinstimmen und 1 Enthaltung  - also 23 Leute haben es verfasst.

Das Dokument umfasst  32 DINA4-Seiten
Es beschreibt in der Präambel die Schwierigkeiten der Katholischen Kirche mit der Sexualität, jedoch nicht die der jungen Generation mit einer übersexualisierten Öffentlichkeit. Unter A werden in 5 Abschnitten der Ausgangspunkt, der Missbrauch und Orientierungspunkte formuliert, die unter B ab Seite 9 dann ausgeführt werden. 

Stichworte im Sexualpapier des Synodalen Weges

Aus Grundlinie Nr. 10: „Stattdessen können und müssen wir die Lebenswirklichkeiten der Menschen von heute behutsam achten und ihnen inmitten ihrer konkreten Lebenssituation die Verheißung auf ein gelingendes Leben in Fülle freihalten – einschließlich einer Sexualität, die an der von Gott geschenkten Würde und Einzigartigkeit jedes einzelnen Menschen Maß nimmt.“

Sexualität und Beziehung – Liebe
Den Menschen innerhalb der Kirche, die bewusst auf Ehe wie auch auf Sexualität verzichten, wird im Text der „Verlust der Beziehungsfähigkeit“ unterstellt.
 
A.5.4. „Dass zölibatär lebende Menschen auf Partner- und Elternschaft bewusst verzichten, darf nicht zu einem Verlust ihrer Beziehungsfähigkeit führen. Insofern sie ihre Lebensform in den Dienst des Reiches Gottes stellen, wollen sie ein eigenes Zeugnis von der Liebesfähigkeit Gottes geben. Das stellt sie aber zugleich unter die dauernde Herausforderung, einen Umgang mit ihrer eigenen Sexualität zu entwickeln, der sie positiv integriert und die eigene Intimität nicht verleugnet oder verkümmern lässt.“

In den Interviews bei Arte stellt das asexuell lebenden Paar fest: „Sexualität ist entsprechend dem Zeitgeist ohne Liebe möglich, Liebe aber nicht ohne Sexualität.“ Das Dokument des Synodalen Weges klingt doch so ähnlich?
An dieser Passage wird erkennbar, warum das Dokument so schwer lesbar ist. Es werden zwei Wertprofile nebeneinander gestellt, die sich widersprechen:
Beziehung wird durch Sexualität vertieft. Dann die Tradition, nicht nur der Katholischen Kirche: Verzicht auf Sexualität um des Gottesreiches willen. Logisch wäre, wenn beide Lebensformen in Bezug auf Beziehungsfähigkeit gegenübergestellt würden. Die Argumentation kippt jedoch ins Moralische mit der Aufforderung, dass diese Lebensform mehr Investition in die eigene Beziehungsfähigkeit verlangt. Das trifft auch zu, sie wird eben in der Beziehung zu Gott gesucht. Das würde aber die euphorische Sicht einer sexuellen Praxis des Dokuments infrage stellen.
Diese Verengung des Blicks wird auch an zwei anderen Ausprägungen deutlich, die erst die Breite des Phänomens „Sexualität“ vor Augen führt.

Asexualität auf der einen, pädophile Orientierung auf der anderen Seit

Der Synodale Weg zählt in B 2.4 diese Formen der Sexualität auf:
„Die Sexualwissenschaft dokumentiert als sexuelle Orientierungen v.a. Hetero-, Homo-, Bi- und A-sexualität.“ Die pädophile sexuelle Orientierung, weswegen der Synodale Weg eigentlich beschritten wurde, wird nicht als Orientierung bezeichnet, sondern als „Sexuelle Präferenz“. Von ihr wird gesagt: „Zwar sind auch diese geworden, ihre Praxis aber ist unterschiedlich zu bewerten. ….. Daraus ergibt sich z.B. ein kategorisches Verbot „pädosexueller Praxis.“ Es gibt also eine sexuelle Orientierung, die nicht frei gewählt ist und doch strikt untersagt ist, wenn sie Präferenz genannt wird. Wenn es eine Orientierung wäre, dürfte sie praktiziert werden. In B 2.5 heißt es:
„Das biopsychosoziale Werden beziehungsweise Gewordensein der sexuellen Orientierung eines Menschen gilt es, als Ergebnis eines höchstpersönlichen Wachstumsprozesses zu respektieren und in seiner personalen Identität zu achten.“ Das Dokument stellt eine Forderung auf, sagt aber nicht, wie asexuell und vor allem pädophil Orientierte das verwirklichen können.

Wie sollen pädophil Orientierte mit folgendem Satz zurechtkommen?

„Die Beziehungsdimension menschlicher Sexualität erfüllt grundlegende biopsychosoziale Bedürfnisse nach Annahme, Geborgenheit, Nähe und Sicherheit.“ heißt es in B 3.1 Das wird dann noch theologisch überhöht: „sie vermittelt unzweideutig, dass die liebevoll-leiblichen Berührungen die liebevoll-fürsorgliche Kraft Gottes zur Darstellung bringen und zur Quelle gemeinschaftlichen Lebens werden lassen.“

Ohne Sexualität weniger oder gar kein Glück

Diese Sicht der Sexualität als beglückend und sogar als Gotterfahrung kontrastiert nicht nur mit den Interviews bei ARTE. Oder die Katholiken sind eine Ausnahmeerscheinung der Nachmoderne, die nicht von der Durchsexualisierung des öffentlichen Raumes betroffen sind. Sie können von der Gesellschaft endlich als „normal“ gesehen werden, weil sie ein glückliches Sexualleben führen und sogar das Wirken Gottes in ihren Berührungen und in der Fruchtbarkeit des genitalen Sexualaktes erfahren. Die rein innerkirchliche Orientierung führt dann zu dem Satz in B 3.4 „Bei allem Bemühen, die Gefährdungen menschlicher Sexualität einzugrenzen, hatten Kirche und Theologie das grundsätzliche Ja Gottes zur menschlichen Sexualität in all ihren Dimensionen deutlich zu wenig vor Augen.“ Damit landete der Synodale Weg in dem Straßengraben auf der entgegengesetzten Seite, die schwierigen und problematischen Seiten der Sexualität besser zu übergehen. Mit dem, was er anklagt, hat er allerdings eines gemeinsam: Den sexuellen Missbrauch höchsten kurz erwähnen oder ihn ganz verschweigen.

Auch pädophil Orientierte müssten, um glücklich zu werden, ihre Sexualität leben

Das Papier verstärkt nicht nur auf subtile Weise die gesellschaftliche Ausgrenzung der pädophilen u.a. Orientierungen. Es setzt diese Menschen auch unter Druck, doch sexuell aktiv zu werden, weil sie dann erst nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in der Katholischen Kirche als vollwertig gelten. Sie müssen jedoch ihre sexuelle Orientierung, die als elementar für das persönliche Lebensglück erklärt wird, ignorieren. Und wie sollen sie mit ihrer Sexualität umgehen?

Sexualität für das Glück unentbehrlich?

Nicht nur die pädophile Orientierung, sondern auch die A-sexualität sind wohl nicht geeignet, die persönliche Identität zu finden, wenn es in B 2.2 heißt:
„Die Selbstgewissheit über die eigene geschlechtliche Identität stellt bei allen Menschen eine unverzichtbare Grundlage für das persönliche Lebensglück dar. Als Kirche haben wir das individuelle Selbstverständnis der geschlechtlichen Identität jedes Menschen als unantastbaren Teil seiner je einzigartigen Gottesebenbildlichkeit (Jes 43,7) zu respektieren.“

Der Satz stimmt nur so lange, bis die Autoren beschreiben würden, wie asexuell oder nur mit einer Präferenz ausgestattete Menschen diese Zuwendung Gottes erfahren. Um des Gottesreiches willen zölibatär Lebende antworten auf die Zuwendung Gottes durch Gebet, Meditation und sozialen Einsatz, erfahren damit aber Gott nicht „hautnah“.

Link: Sexualpapier des Synodalen Weges – ein Verriss        
        Wilhelm Reich Sexualität – Energiequelle des Religiösen


Kategorie: Kirche

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