(c) Dag Heinrichowski

Schweden: Der Pfarrer lässt das Auto stehen

(explizit.net) Interview-Serie: Diaspora im schwedischen Uppsala, Teil 1 von 3

.

Als Hamburger Priesteramtskandidat kennt er die Situation der Katholiken in der Diaspora. In seinem Heimatbistum Hamburg sind lediglich 6,8 Prozent der Menschen katholisch, in Deutschland sind es immerhin noch 30 Prozent. Von seinem Studienort Frankfurt am Main hat Dag Heinrichowski sich aufgemacht nach Uppsala in Schweden, wo nur 1,5 Prozent Katholiken leben. Er studiert dort ein Jahr lang am „Newman-Institut“ des Jesuitenordens und unterstützt, zusammen mit dem Bonifatiuswerk, neben seinem Theologiestudium soziale und kirchliche Projekte.

(explizit.net) Interview-Serie: Diaspora im schwedischen Uppsala, Teil 1 von 3

.

Als Hamburger Priesteramtskandidat kennt er die Situation der Katholiken in der Diaspora. In seinem Heimatbistum Hamburg sind lediglich 6,8 Prozent der Menschen katholisch, in Deutschland sind es immerhin noch 30 Prozent. Von seinem Studienort Frankfurt am Main hat Dag Heinrichowski sich aufgemacht nach Uppsala in Schweden, wo nur 1,5 Prozent Katholiken leben. Er studiert dort ein Jahr lang am „Newman-Institut“ des Jesuitenordens und unterstützt, zusammen mit dem Bonifatiuswerk, neben seinem Theologiestudium soziale und kirchliche Projekte.

Im Gespräch mit explizit.net analysiert der 22-Jährige die Diaspora-Situation der Katholiken in Schweden, gibt Witze über die Schwedische Kirche zum Besten und formuliert Hoffnungen und Wünsche an die katholische Kirche in Deutschland.

Im ersten Teil unserer Interview-Serie sprechen wir über die Freude und Wertschätzung des Gottesdienstes und der Gemeinschaft. Die sind in der Gemeinde in Uppsala besonders zu spüren, sagt Dag Heinrichowksi. Dafür nehmen die Gläubigen gerne weite Wege auf sich – der Pfarrer kann das Auto stehen lassen.

explizit.net: Wie schmeckt die schwedische Diaspora in Uppsala im Vergleich zur norddeutschen Diaspora in Hamburg?

Dag Heinrichowski: Hier in Uppsala lebe ich in einer Stadt, in der es nur eine Pfarrgemeinde und eine Kirche gibt. Das ist eine Umstellung zu Hamburg, wo es trotz der Diaspora unglaublich viele Kirchen und Angebote unter der Woche gibt, oder wenn man am Sonntag einen Gottesdienst sucht. In Uppsala findet alles in einer Kirche, einer Gemeinde statt; die nächste ist in Stockholm (ca. 70km entfernt, Anm. d Red.), dann kommt erst mal nicht mehr viel. Für mich ist das wirklich eine Umstellung. Wenn ich in Hamburg in die Messe gehen will, schaue ich, wo es für mich gerade passt. Wenn ich gerade eine Lücke von einer Stunde habe, kann ich die gut mit einer Messe füllen. Hier muss ich mich danach richten, wann in der Gemeinde die Messe stattfindet.

<emphasize>Die Kirche ist voll</emphasize>

Ein anderer Unterschied: ich habe mal ein Praktikum in Heide (in Holstein, Anm. d. Red.) gemacht. Da ist der Pfarrer sehr viel unterwegs und fährt ständig durch die Gegend, um die drei Kirchen zu besuchen, die er betreut. In Uppsala habe ich den Pfarrer noch nie im Auto gesehen. Hier spielt sich alles zentral ab. Die Leute kommen hierher, und von hier geht die Sache aus. Gleich am Anfang ist mir aufgefallen, dass die Kirche hier zwar klein, dafür aber jeden Sonntag voll ist. So etwas habe ich schon lange nicht mehr gesehen; und das an einem ganz normalen Sonntag mitten in den Ferien!

Wie wirken sich die Diaspora-Situation und diese Fokussierung auf eine Gemeinde theologisch und spirituell aus?

Entscheidend ist, dass die Leute sich wirklich kennen. Nach dem Hochamt bleibt man noch zusammen, es gibt Kaffee, Kuchen und belegte Brote in einem ungezwungenen Rahmen. Ohne großen organisatorischen Aufwand machen das Leute aus der Gemeinde, die dazu Lust haben. Spirituell habe ich hier den Friedensgruß in der Messe ganz neu entdeckt. Das kommt mir hier herzlicher vor. Man wünscht sich den „Frieden Christi – Herrens frid“. Dabei schauen die Leute sich um, wer da ist, und nicken sich freundlich zu.

So sehr die Gemeinschaft und der Austausch nach der Messe gepflegt werden, so viel ruhiger ist es dann während des Gottesdienstes. Viele Menschen fahren weite Strecken, um am Gottesdienst teilzunehmen und wissen daher, warum sie kommen: nicht bloß, um Leute zu treffen und sich auszutauschen, sondern sie kommen vor allem zum Gottesdienst zusammen. Es ist daher vielleicht intensiver: die Leute wissen hier einfach stärker, warum sie da sind. Das fällt stärker auf als in Deutschland.

Wie wirkt das Gemeindeleben im gesellschaftlichen Umfeld der Stadt?

In Uppsala gibt es seit 25 Jahren jedes Jahr eine Kulturnacht. Die katholische Kirche nimmt ganz selbstverständlich mit ihrem eigenen Programm daran teil. Am Wochenende gab es dort ein Konzert, eine Vesper und einen Vortrag. Die Kirche versucht, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen und präsent zu sein. Die Kirche liegt mitten in der Stadt, das ist gut. Der Second-Hand-Shop, in dem ich mitarbeite, wurde erst kürzlich eröffnet. Dessen Träger ist ein Wohltätigkeitsverband. Zusammen mit dem Newman-Institut kümmert die Gemeinde sich um Freiwillige, die mithelfen, den Laden zu betreiben. Mittlerweile gibt es 55 dieser Läden in ganz Schweden. Einen Teil des Erlöses des Ladens erhält die Gemeinde. Es ist schon erstaunlich, dass in einem Land wie Schweden gerade die katholische Kirche der Partner einer so großen Organisation ist und nicht etwa die Schwedische Kirche oder irgendeine humanitäre Organisation.

<emphasize>Verbindung von Gemeinde und Hochschule</emphasize>

Ich habe den Eindruck, dass Leute, die auf der Suche sind, sehr schnell hierherkommen und hier auch Antworten finden. Das scheint bei der Schwedischen Kirche nicht der Fall zu sein. Auch bei manchen Gemeinden in Deutschland bin ich mir nicht sicher, ob das funktioniert. Hier haben die Leute häufig eher philosophische Fragen, weil sie mit Glauben gar nicht mehr viel zu tun haben. Es ist gut, dass es neben der Gemeinde, wo der Glaube gelebt wird, auch das Newman-Institut gibt. Dort geht es um eine kritische Reflexion und darum, sich auch vor der Vernunft zu verantworten. Das Institut und die Gemeinde befinden sich genau gegenüber in derselben Straße, sind also inhaltlich und örtlich miteinander verwoben. Das ist eine gute Mischung. Sowohl der Pfarrer der Gemeinde als auch einige Dozenten am Newman-Institut sind Jesuiten. So ist eine gute Zusammenarbeit gewährleistet. Meine Hochschule in Frankfurt („Sankt Georgen“) wird zwar von den Jesuiten getragen, aber einen solch engen Anschluss an eine Pfarrgemeinde gibt es dort nicht.

Welchen Einfluss haben denn die Jesuiten, hat die ignatianische Spiritualität auf die Gemeinde?

Jesuitisch und nordisch zugleich ist die Schlichtheit. Im Gottesdienst gibt es zum Beispiel viel Stille. Ich glaube, vor allem diese Verbindung von Vernunft einerseits mit Gefühl und Leben andererseits, diese Verknüpfung spiegelt sich auch in der Gemeinde wider – ich würde sagen, das ist typisch jesuitisch. Die Vernunft spielt eine große Rolle, trotzdem bleibt man nicht bei ihr stehen. Es muss eine Konsequenz für mein Leben haben.

Morgen lesen Sie an dieser Stelle mehr über das „Newman-Institut“ und das Bonifatiuswerk in Uppsala.

Außerdem: Warum man in der Schwedischen Kirche nicht paranoid wird und Theologiestudenten in Schweden mehr für‘s Bier zahlen müssen…

<emphasize>Die Fragen stellte Matthias Alexander Schmidt.</emphasize>


Schlagworte: #schweden #Kirche #Teil 1

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben

Zum Seitenanfang