Kelch und Hostie, F: explizit.net

Eucharistiestreit 2018

Protestanten wollen gleich behandelt werden. Sie laden Katholiken zu ihrem Abendmahl ein und erwarten dann auch Gastfreundschaft von der anderen Seite. Katholische Laien wollen diese gewähren, die Bischöfe tun sich schwerer. Ein komplizierter Prozess, Psychologie und Theologie überlagern sich. Wie immer ist die Psychologie wirkkräftiger. Sie versteckt sich jedoch hinter der Theologie. Was ist das psychologische Drehmoment und warum muss es theologisch bearbeitet werden?

Wort gegen Sakrament

Der Unterschied der beiden religiösen Kulturen ist theologisch beträchtlich. Denn katholisch erwächst die Kirche aus den Sakramenten. Religionspsychologisch heißt dass, dass der Katholik im Empfang der Hostie Christus am nächsten kommt. Der Protestant protestiert offensichtlich nicht gegen das Sakramentale, sondern gegen die Kirchenhierarchie. Wenn man aber das besondere Priestertum nicht mehr von dem allgemeinen aller Getauften absetzt, dann kann das Sakramentale nicht mehr die Rolle spielen. Deshalb ist für den Protestanten Christus im Wort nahe, denn er braucht eigentlich nicht wie der Katholik den Priester, um Christus nahe zu kommen. Jeder kann in der Bibel lesen, während nicht jeder die Worte Jesu über Brot und Wein sprechen kann. Denn es braucht verlässliche Personen, die sicherstellen, dass mit der Eucharistie nicht Schindluder getrieben werden kann. Kommt der Protestant aus der unproblematischen Zugänglichkeit des Wortes und erwartet er die gleiche Zugänglichkeit für das eucharistische Brot, ist der Katholik mit einem Ehrfurchtsgefühl gegenüber der konsekrierten Hostie aufgewachsen. Er musste in der späten Kindheit sich über Monate auf die Erstkommunion vorbereiten und sollte eigentlich gebeichtet haben, ehe er zum Tisch des Herrn tritt. Aber war Jesus nicht großzügig? Würde er evangelische Christen von dem Mahl ausschließen, welches er für die gestiftet hat, die ihn als Erlöser und Sohn Gottes erkannt haben?

Das Empfinden der Katholiken

Nicht erst beim Katholikentag ist deutlich geworden, dass die katholischen Laien ihren Bischöfen nicht folgen. Das ist verständlich, denn sie haben ja zu den evangelischen Christen Kontakt, die die eine Kirche wollen. Da die Katholiken, nicht zuletzt durch die Ökumene, die Bibel intensiver einbeziehen, wollen sie nicht nur in Bibelkreisen, sondern auch im Sakramentalen Gemeinschaft erleben. Da viele Protestanten die Eucharistie neu entdecken und damit eine größere Nähe zu den Katholiken gewinnen, ist es psychologisch zwingend, gemeinsam Eucharistie zu feiern. Was fehlt aber dann theologisch?

Es fehlt Theologie überhaupt

In der Diskussion unter den deutschen Bischöfen geht es um „Dürfen“ bzw. „Nicht-Dürfen“. Irgendwie haben die Protestanten das Passwort nicht. Die Befürchtung ist, dass das Passwort einmal gegeben, an alle weitergereicht wird. Ob der protestantische Ehepartner auch zur Kommunion gehen kann, ist der Aufhänger, wohl aber nicht das Problem. Hat er in einer katholischen Feier sein Jawort gegeben, gehört er, gehört sie sowieso zur katholischen Kirche oder das Sakrament ist gar nicht "der Fall". Vielmehr scheint das Problem der zögernden Bischöfe die Befürchtung zu sein, ohne Verständigung der Kirchen über die noch ausstehenden theologischen Fragen würde Praxis, was theologisch auf unsicheren Beinen steht. Wie immer in solchen Streitigkeiten können die Opponenten nicht ganz Unrecht haben. Da gibt es ungelöste Probleme. Zwei wichtige seien genannt:

  1. Wie unterscheidet man die konsekrierte Hostie
    Von außen kann man dem Brot wie auch dem Wein nicht ansehen, ob über sie die Wandlungsworte gesprochen worden sind. Das Abendland hat über dieses Problem seit dem 10. Jahrhundert gestritten. Luther und Calvin haben die Frage unterschiedlich beantwortet. Luther sagt mit der mittelalterlichen Kirche "real" und nicht wie Calvin "bloß symbolisch". Jedoch bleibt bei den Lutheranern ein deutlicher Unterschied zu den Katholiken: das eucharistische Brot wird nicht aufgehoben. Deshalb können evangelische Kirchen abgeschlossen sein, während Katholiken vor dem Tabernakel, bei dem ein rotes Licht leuchtet, wenn in diesem konsekrierte Hostien aufbewahrt werden, beten können müssen. Ein weiterer Unterschied, der wohl den meisten Katholiken nicht bekannt ist, betrifft die Gegenwart Jesu in der Hostie. Während das für Katholiken mit den Worten Jesu geschieht, die der Priester über Brot und Wein spricht, gehen Lutheraner davon aus, dass das nur im Moment des Kommunionempfangs "real" ist. Daher die Praxis, übrig gebliebene Hostien nicht an einem besonderen Ort aufzuheben und den restlichen Wein wegzuschütten.
    Die Theologie hat also tiefgreifende Folgen für die Praxis und damit für das religiöse Gefühl. Ein weiterer Punkt ist das Amt:

  2. Braucht die Kirche ein sakramentales Amt?
    Luther wollte für jeden Christen den direkten Zugang zu Gott, konkret die Bibel in der Hand jedes Christen und nicht nur der Kleriker. Aber was mit den Sakramenten? Faktisch hat Luther die Pfarrei mit einem Pfarrer, der tauft, beerdigt, Hochzeiten hält und regelmäßig Gottesdienste hält, beibehalten. Liest man z.B. die Biographie von Paul Gerhardt, dann fühlt man sich wie in einem katholischen Pfarrhaus, nur dass der Pfarrer, wie in der orthodoxen Kirche, verheiratet ist. Faktisch hat auch die von Calvin herkommende Kirche an der Leitung der Gemeinde durch eine Person festgehalten. Das presbyteriale Element, also die Ältesten, von denen in der Apostelgeschichte die Rede ist, wird inzwischen auch von der katholischen Kirche mit dem Pfarrgemeinderat in der Struktur verankert. Aber ist die leitende Person auch durch ein besonderes Sakrament befugt, den Gemeindemitgliedern die Sakramente zu spenden oder kann das, wie wohl in den ersten christlichen Gemeinden, jedes Mitglied des Presbyteriums? Faktisch geschieht das in den evangelischen Kirchen kaum, in der theologischen Konzeption gibt es zwar die Handauflegung, diese hat aber nicht wie bei den Katholiken sakramentalen Charakter und ist nicht dem Bischof vorbehalten.

Theologische Hilfe von den östlichen Kirchen

Es gibt also einiges zu klären. Das spürt jeder, der eine Kirche betritt. Die katholische Kirche verlangt mehr Stille, es gibt einen Anbetungsort, dort wo die Eucharistie aufbewahrt wird. In evangelischen Kirchen gibt es einen solche Aufbewahrung nicht, dafür liegt die aufgeschlagene Bibel auf dem Altar. Deshalb kann das gemeinsame Abendmahl nicht administrativ herbeigeführt werden. es braucht theologische Fundierung. Die Konfessionen sollten sich an der Einigung über die Rechtfertigung orientieren. Dieser Hauptstreitpunkt der Reformationszeit, was nämlich beim Menschen notwendig ist, damit er die Gnade Gottes empfangen kann, wurde so bearbeitet, dass ein wirklicher Konsens zustande kam. Dieser konkretisierte sich in der Aufhebung der Lehrverurteilungen des 16. Jahrhunderts. Bei der Eucharistie ist diese Arbeit noch nicht gemacht. Sie ist wohl deshalb liegen geblieben, weil der Westen ein zu enges Eucharistieverständnis hat. Weil eine Einigung nicht in Sicht ist, lässt man das Problem theologisch liegen. Es gibt aber eine Hilfe: Die orthodoxe Theologie könnte den Konfessionen im Westen einen weiteren Blick eröffnen.

Links:
Abendmahl notwendig für Kirche   
Die Sicht der Orthodoxie
Abendmahl braucht Kirche

Zum Foto unten: In den von Calvin geprägten reformierten Kirchen nimmt die Kanzel oft den Platz des Altars ein.



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