EZB im Bau, Foto: explizit.net E.B.

Der „Sinn“ des Geldes

Die Wahrheit über die Finanzwirtschaft, das verspricht der Ökonom Hans Werner Sinn. Wie löst er das Versprechen auf 600 Seiten ein? Erfährt man endlich, wie das mit dem vielen Geld eigentlich funktioniert? Nur in Teilen. Sicher ist nur: Der Markt korrigiert die wirklich gefährlichen Fehlentwicklungen nicht. Vor allem nicht das moralische Versagen.

Der normale Bürger arbeitet und bekommt dafür Geld. Dafür kann er sich kaufen, was andere erarbeitet haben, Brötchen, Zeitung, einen Fahrschein, ein Auto, eine Ferienreise. Eine Staatsbank oder die EZB haben dafür Geld in Umlauf gebracht. Wenn Sie davon zu viel drucken, dann steigen die Preise. Halten sie das Geld zu knapp, wächst die Wirtschaft nicht. Durch die Steuern und Rentenbeiträge holt sich der Staat einen großen Anteil an dem Geld, was die Bürger ausgeben. Das fließt in Form von Staatsausgaben an die Bürger zurück. Also alles am Ende im Lot? Aber es gibt die Krisen. Hans Werner Sinn kann einige erklären, allerdings nur im Nachhinein. Es wird deutlich: Diese Geldwirtschaft ist nicht so sorgfältig in ihren Risiken begrenzt wie die Atommeiler.

Das Geldmachen der Banken regulieren

So habe ich mir das lange vorgestellt: es gibt auch für das Geld Marktgesetze, die wie von selbst greifen. Es besteht aber kein Markt, für den jemand erst etwas entwickeln und produzieren muss, ehe er es verkaufen kann. Im Zusammenhang mit der Immobilien- und der daraus folgenden Bankenkrise 2007/08 fand ich erstmals Berichte, dass die Banken einfach Geld auf ein Konto gutschreiben können, ohne dass dieses irgendwie erarbeitet worden wäre. Seitdem wird immer wieder berichtet, dass die EZB, die Staatsbanken wie auch jede Sparkasse einfach Geld machen können. Wie diese Geldmengen gesteuert oder gar überwacht werden, würde man mal gerne im Gesamtzusammenhang verstehen, z.B. Warum eine Bank pleitegehen kann, obwohl sie doch beliebig viel Geld drucken kann. Oder warum mit dem hohen Außenhandelsüberschuss nicht Straßen und Sozialwohnungen gebaut werden können. Hans Werner Sinn versteht sich als Finanzwissenschaftler. Von den Vorgängen versteht er offensichtlich einiges. Auch wenn er nicht den Gesamtzusammenhang darzustellen vermag, kann er erklären, warum einiges so richtig schief gelaufen ist.

Bauboom als Feind des Exports

So erklärt er die wirtschaftlich schwierige Lage der südeuropäischen Länder mit zu hohen Löhnen in der Exportindustrie, so dass Italien u.a. Länder nicht mehr mit den Exportpreisen der Nordeuropäer konkurrieren können. Die Lohnsprünge seien durch den Boom im Straßen- und Wohnungsbau entstanden. Der hätte die Löhne in diesem Sektor in die Höhe getrieben, so dass z.B. die Autohersteller ebenfalls die Löhne erhöhen mussten.
Zu hohe Löhne seien auch für den Niedergang der Industrie in den Neuen Bundesländern verantwortlich. Obwohl dort geringere Löhne als im Westen gezahlt werden, seien diese doch noch zu hoch, weil die Produktivität der dortigen Industrie im Vergleich zur ehemaligen Bundesrepublik noch niedriger sei als der Lohnabstand zwischen Ost und West. (S. 47)

Flüchtlinge volkswirtschaftlich eingeordnet

Interessant sind auch seine Überlegungen zur Flüchtlingskrise. Volkswirtschaftlich gesehen nutzen Flüchtlinge eine Infrastruktur, ein Bildungs- und Gesundheitssystem, das sie nicht aufgebaut und für dessen Erhält sie keine Steuern zahlen. Allerdings bleibt es bei der Analyse, die doch eigentlich verlangt, die Entwicklungshilfe entsprechend zu gestalten. S. 268ff
Instruktiv ist auch, wie die ökologischen Herausforderungen volkswirtschaftlich gefasst werden. S. 309ff
Viel kann der Autor den Hartz IV-Reformen abgewinnen, während Merkel der Abfall von der eigenen Lehre vorgeworfen wird. S. 289ff

Das Geldsystem verstehen

Der Normalbürger, der sich fragt, in welcher Welt er lebt, die offensichtlich vom Geldmachen der Banken gesteuert wird, bleibt dann doch auf seinen Fragen sitzen:
Wenn eine Bank auf dem Girokonto Geld erzeugt, mit dem der Besitzer eine Maschine kauft, ein Haus baut, ein Auto kauft, dann fließt das Geld doch in den Wirtschaftskreislauf und ist nicht verschwunden. Es gibt das Haus, selbst wenn der Besitzer die Raten nicht zahlen kann. Der Bauunternehmer hat längst Löhne bezahlt, die schon beim Bäcker oder in der Kinokasse gelandet sind. Warum muss die Bank das Geld zurück haben, wenn es doch nur eine Zahl auf einem Konto ist. Natürlich wird jetzt jeder Geldmensch über solche Fehlschlüsse lachen. Man würde es aber gerne mal erklärt bekommen. Oder die Zinsen: Wenn jemand selbst verdientes Geld verleiht, dann muss man ihm für den Verzicht auf ein neues Auto oder eine Reise mit dem Zins entschädigen. Aber wenn die Banken aus dem Nichts Geld machen können, wofür brauchen sie dann Zinsen? Und werden die 2 Milliarden Bonizahlungen der Deutschen Bank auch aus solchen selbst gemachten Geld bezahlt? Und warum gibt es für den hohen deutschen Exportüberschuss nicht eine Gewinnbeteiligung jedes Bürgers, so wie eine an ihren Mitarbeitern interessierte Firma die Beschäftigten am Gewinn teilhaben lässt. Alles dumme Fragen, die eigentlich nach der Lektüre eines Buches nicht mehr gestellt werden dürften, dass im Untertitel "Nichts als die Wahrheit" verspricht. Vielleicht muss die Finanzwirtschaft doch bei der Philosophie anklopfen. Zu deren fundamentalen Erkenntnissen im 20. Jahrhundert der Mathematiker Gödel beigetragen hat. Er hat nachgewiesen, dass jedes Formale System Widersprüche erzeugt. Russel und Whitehead hatten das in den Principia Mathematica schon darauf aufmerksam gemacht. Hans Werner Sinn, der sich schon mit seiner Sprache als einfaches Gemüt zu erkennen gibt, zeigt an den oben kurz skizzierten Fehlschlägen, dass es einen Regelungsbedarf gegeben hatte. Aber alles, was er plausibel herausarbeitet, ist nachträglich entdeckt worden. Selbst für den Fall der Wiedervereinigung hatten die Ökonomen keinen Plan, wie beide Wirtschaftssysteme zusammengebracht werden konnten. Natürlich haben die Politiker Fehler gemacht. Sollten sie etwa wirtschaftliche Systeme besser durchschaut haben als diejenigen, die sich ganz der Wissenschaft widmen konnten?

Die Wahrheit findet sich in der fehlenden Moral

Wie der Finanzwissenschaftler denkt, wird in peinlicher Weise an einem Vergleich deutlich, den er zur Erklärung der Finanzkrise 2007/08 gefunden hat: Die Manager der Banken seien durch eine zu geringe Regulierung der Kreditvergabe fehlgeleitet worden und wären zu hohe Risiken eingegangen. Deshalb sei es genauso ungerecht,  die Bankmanager für den Kollaps verantwortlich zu machen wie die Juden für den Börsencrash 1929. Man stolpert zuerst über den Vergleich, bis man beim zweiten Lesen die Behauptung entdeckt, die Juden hätten damals genauso fahrlässig gehandelt wird die Manager der Lehmann und anderer bankrott gegangener Banken. Aber die Juden wurden nur verdächtigt, die Bankmanager haben dagegen offensichtlich gehandelt. Hier kommt man dem inneren Widerspruch des Geldmachens wohl  auf die Spur: es ist die fehlende Moral, die der Markt offensichtlich nicht korrigiert und wofür die Wahrheitsfinder unter den Ökonomen erst nachträglich Regelungen entwickeln, die in Zukunft Krisen verhindern sollen. Aber wie der Flugpassagier darauf vertrauen muss, dass der Pilot die Maschine nicht gegen eine Bergwand prallen lässt, so der Finanzminister und mit ihm alle Steuerzahler, dass das Geldmachen nicht so ausgereizt wird, dass die ganze Wirtschaft durch einen Kollaps bedroht wird. Oder die Ökonomen bringen es fertig, die Finanzwirtschaft so durchschaubar zu machen, dass die in Fabriken, in Büros und Geschäften arbeitenden Normalbürger zyklisch zu Rettungsaktionen gezwungen werden. Bei den Grippeviren ist man doch auch schon ziemlich weit gekommen, obwohl diese Viren sehr viel schneller mutieren als der Dollar oder der Euro.
Bei Volkswirten nachgefragt, warum der Verkauf  von Subprimepapieren, also „Unter-Wert-Schuldverschreibungen,  kein Betrug war,  Libormanipulation kein Thema für Volkswirte ist und die enormen Zahlungen an Investmentbanker gerechtfertigt sind, bekommt man eine einfach und doch plausible Antwort: Moral und Verantwortungsbewusstsein lassen sich nicht in Zahlen ausdrücken.

Das Targetkonto der Bundesbank

Ein Thema sei nur angesprochen, es bedarf einer eigenen Anfrage an die Volkswirtschaft: Die Bundesbank hat gegenüber anderen Notenbanken ein hohes Forderungskonto: diese haben, so H.W. Sinn, Geld gedruckt und damit Waren bezahlt, die deutsche Firmen geliefert haben. Das seien verdeckte Kredite, die nicht zurückgezahlt werden müssten. Also nicht nur die Banken, sondern auch die Staaten der Eurozone, können beliebig Geld drucken. Ist der hohe deutsche Überschuss in der Leistungsbilanz also auch nur eine Buchung? Sinn versteht es, das Thema zu behandeln, ohne auf die Problematik einer Ungleichheit zwischen den Volkswirtschaften einzugehen. Sind die Deutschen nicht selbst schuld, dass sie „übers Ohr gehauen werden“?
Die Lektüre des Buches ist gerade wegen der fehlenden Antworten zu empfehlen. Wenn die Erkenntnisse der Volkswirte über unser Wohl und Wehe entscheiden und die Politiker in deren Augen so viele Fehler machen, dann ist eben diese, unsere Welt, die dabei herauskommt. Obwohl sich Hans Werner Sinn als Arzt, S. 226f, versteht, der die Krankheiten des Systems diagnostiziert und den Auftrag zur Heilung an die Politik weiterreicht, kann von Wahrheit erst gesprochen werden, wenn das System als Ganzes durchschaubar wird. Das Buch ist vor allem Studierenden zu empfehlen, denn es zeigt, wie Volkswirte zu Erkenntnissen kommen, wie man Forschungsprojekte anlegt, wie ein Forschungsinstitut, nämlich das Ifo-Institut, gemanagt wird. Insgesamt mischen sich biografische Kapitel, die zeigen, wie man sich einen Weg als Wissenschaftler bahnt, mit Erklärungen von Krisen und deren Therapie. Es empfiehlt sich eine Lektüre nicht entlang der Kapitel. Der Leser kann aus dem informativen Inhaltsverzeichnis auswähle. Wer nur an der Biographie im engeren Sinne interessiert ist, kann sich auf die Kapitel 2, 3, 4, 5, 9, 11 und 12 beschränken.

explizit.net ist an Autoren interessiert, die zu den Geldströmen etwas Erklärendes schreiben. Offensichtlich sind die Atomkraftwerke besser gesichert als die Deutsche Bank u.a. Institute

   Hans Werner Sinn, auf der Suche nach der Wahrheit, 672 S., € 28.-, Verlag Herder



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