Foto: Lisa Quarch

Ein Gespräch über Beten auf Instagram

Interview mit dem Feministischen Andachtskolletiv - im Rahmen des publicatio e.V. - Monatsthemas "Beten 2021"

Das Feministische Andachtskolletiv wurde im ersten Corona-Lockdown von Maike Schöfer als Ideengeberin initiiert. Am 14. März beging die 10-köpfige Gruppe, die jede Woche mit einer wachsenden Community christliche Andachten auf Instagram feiert, ihr einjähriges Jubiläum. Wer sind die Menschen, die dahinter stehen? Zwei der Kollektiv-Mitglieder sind Lisa Quarch, sie ist katholische Theologin und Pastoralassistentin im Bistum Limburg und arbeitet aktivistisch auf Instagram, und Veronika Rieger, Autorin, Aktivistin und angehende evangelische Pfarrerin.

Seit einem Jahr feiert Ihr jeden Sonntag Andachten auf Instagram. Wird gemeinsam digital anders gebetet als an einem Ort?

Veronika: Beten ist etwas, was viel gemacht wird und worüber wenig gesprochen wird. Instagram bietet eine gute Möglichkeit, einen Raum zu geben für diese Worte ohne gleich in ein vorgefertigtes Schema von „Beten“ zu verfallen. Es ist eher ein: „Hallo, hier ist diese Form und hier sind Worte, die ich Dir leihe wenn Du sie möchtest — ansonsten kannst Du es Dir auch einfach anhören und es macht vielleicht nichts mit Dir.“

Lisa: Die Frage „Warum Instagram?“ kommt oft. Wir haben uns dafür entschieden, weil es das Hauptmedium von uns allen ist, über das wir uns kennengelernt haben. Wer nicht weiß, wie es funktioniert, dem und der erklären wir es. Wir sprechen durchaus auch Menschen an, die nicht jeden Tag 24 Stunden auf Instagram abhängen.

Was bedeutet „Beten“ für Euch persönlich?

Lisa: Beten ist für mich Beziehungsbildung mit Gott. Das klingt abstrakt, aber es ist einfach der Versuch, mich auszurichten auf Gott und Gottes Stimme Raum in meinem Leben zu geben. Für mich hat das sehr viel mit Schweigen zu tun, still und offen zu werden für Gottes Gegenwart. Das, was ich in den Andachten formuliere, wächst aus dem Beten, das vorher alleine hatte, heraus. Dort gehe ich damit nochmal in Gemeinschaft. Das stärkt mich und ich nehme wieder viele Dinge mit zurück in mein Gebet. Durch das Formulieren der Gebete bekomme ich selbst viel zurück und ich hoffe, dadurch auch einen Raum für andere Menschen zu öffnen, um sich in ihre Beziehung mit Gott fallen zu lassen.

Veronika: Als ich das erste Mal nach Taizé fuhr, sagte eine Freundin zu mir: „Es gibt dort eine Stille im Gottesdienst, nimm dir ein Notizbuch mit.“ Schrift und Text sind als freie Autorin für mich sehr wichtig. Einer der ersten Sätze in diesem Notizbuch, das heute völlig genial verbuddelt und voller Kaffeeflecken ist, lautet: „Gott, wenn es Dich gibt, dann müssen wir reden“. Damals habe ich angefangen, sehr lange schriftliche Gespräche mit Gott zu führen — und so habe ich angefangen, beten zu lernen. Da ist auch viel „Gott, warum muss …?“ dabei, aber es bringt mir ein sehr lebendiges Glaubensleben.

Wie verändert die Pandemie Gebet? Ich kann mir vorstellen, dass jetzt nochmal sehr viel mehr „Gott, warum muss …?“ dabei ist.

Veronika: Ich habe am Anfang der Pandemie für das Herz.Netz.Werk (@herz.netz.werk) ein Gebet darüber geschrieben, wo ich Gott treffe. So viele Kirchen haben mich angefragt, ob sie es veröffentlichen können. Da ist mir aufgefallen, wie groß die Suche war und immer noch ist nach den richtigen Worten. Nach Worte, die fassen können, was wir gerade erleben, die die Existenzialität der Situation fassen können. Die Situation schürt viele Ängste und vielleicht ist es doch öfter ein Fragen nach: „Kann es bitte bald vorbei sein? Bitte?“

Lisa: Viele haben sich die Frage nach „Warum lässt Gott das zu“ nochmal auf andere Art gestellt. Wo ist Gott in Corona? Kann Gott durch so etwas wie Corona wirken? Ich würde sagen: Gott wirkt in der Zeit in Corona, sie ist bei den Menschen, die leiden. Mein persönliches Gebet hat sich nicht stark verändert, aber ich habe das Gefühl, dass sich das bei vielen Leuten stark verändert hat, die sich diese Fragen neu stellen.

Erlebt Ihr unter den Reaktionen auch Hass?

Veronika: Wir erleben Einiges an Antifeminismus. „Du verstößt gegen Gott“, „Du kannst keine Christin sein“, „Du ziehst andere Menschen in die Hölle“. Wenn Dir jemand wiederholt den Glauben abspricht, Dir vorwirft, Du würdest anderen Menschen im Glauben schaden — das ist etwas, das nagt und das nagt lang. Es gibt eine Gruppe von Personen, die gezielt digital Angriffe auf die Mitglieder des fAk_kollektiv verüben. Wir löschen Hassnachrichten unter unseren Posts, weil wir keine Plattform für Hassbotschaften bieten. Das bedeutet aber nicht, dass wir Diskussionen löschen. Wir treten gern in Diskussion, sind interessiert daran, gemeinsam eine gerechtere, feministische Gesellschaft zu gestalten.

Lisa: Wenn es um Glaube geht, hat der Hass oft eine andere Qualität. Als Werkzeug des Teufels bezeichnet zu werden, ist auf kognitiver Ebene leicht zu durchschauen, aber es tut trotzdem weh. Ich bekomme auch Hass von Feminist*innen, die mir schreiben, ich verteidige das Patriarchat. Das tut mir genauso weh, weil ich mich als Feministin identifiziere und das nicht von meinem Christin-Sein trennen kann. Ich kann Christentum nur emanzipatorisch denken.

Woher zieht Ihr bei diesem Gegenwind, den Ihr erfahrt, die Kraft und Motivation mit den Andachten weiterzumachen?

Veronika: Es macht Spaß! Ich liebe die Leute mit denen ich arbeite, ich lerne so viel. Und es ist wichtig. Wir haben fAk nicht angefangen, weil wir berühmt oder erfolgreich werden wollten, sondern weil wir wollten, dass es so etwas wie das feministische Andachtskollektiv gibt. Das gab es nicht — also machen wir es.

Lisa: Die Anderen im Kollektiv sind Vorbilder für mich. Mir geben auch die Nachrichten von Menschen Kraft, die sich bedanken, die von neuem Zugang zu Spiritualität und Kirche berichten. Meine Gottesbeziehung gibt mir Kraft. Das Magnifikat zum Beispiel ist ein Satz, an dem ich mich festhalten kann, der mir vergewissert, dass ich wirklich glaube, dass es im Christentum um Emanzipation geht, Macht zu hinterfragen und die zu ermächtigen, die keine Macht haben. Das lässt mich weiter machen. Und ja: es macht mega Spaß!

Wie hängen Gemeinschaft und Andacht für Euch zusammen?


Veronika: Eng und gleichzeitig gar nicht so eng. Wir feiern Andacht, weil wir sie feiern wollen. Es ist ein bisschen wie bei einer Geburtstagsparty: Kommt wenn ihr mögt aber wenn ihr nicht kommt, feiern wir auch. Wir bewerten Andachten nicht danach, wie viele Leute sie gesehen haben sondern danach, ob es uns Spaß gemacht hat.

Lisa: Die Gemeinschaft, die wir im Kollektiv haben geht über die Konzeption der Andachten hinaus. Wir teilen feministische Aufreger und fangen uns gegenseitig auf. Nicht nur wir zehn machen die Andachten, sondern wir haben eine große Gemeinschaft, die darüber hinausgeht.

Veronika: Ja, es gibt Leute, die setzen sich immer, wenn eine Andacht geplant ist, hin und schauen sie an — mit Frühstück! Davon bekommen wir dann Fotos. Als ich das zum ersten Mal gesehen habe, dachte ich: Krass, damit hätte ich gar nicht gerechnet, aber wie schön ist das! Wir haben keine geschlossene, sondern eine offene und ausfransende Community, die Menschen aus kirchlichen und nichtkirchlichen Kontexten einlädt, dabei zu sein.

Ihr macht Eure Andachten unbezahlt in Eurer Freizeit. Wünscht Ihr Euch, dass solche Projekte z.B. kirchlich finanziert werden oder sollen sie im privaten Bereich bleiben?

Veronika: Grundsätzlich sollte Bildungsarbeit bezahlt werden. Auch digitale Bildungsarbeit. Es braucht ungefähr einen Arbeitstag, bis eine Andacht steht. Aber wenn jemand bezahlt möchte immer jemand mitreden. Und unsere Freiheit dafür zu opfern, dazu bin ich nicht bereit.

Lisa: Der Zauber von unserem feministischen Andachtskollektiv hängt viel damit zusammen, dass wir keine Konzepte schreiben mussten, sondern einfach anfangen konnten. Ich bin großer Fan von Synodalität und finde das wichtig, aber das war bei uns trotzdem eine Stärke. In manchen Kirchenkreisen gibt es Bestrebungen für Stellenanteile für digitale Arbeit. Dadurch entsteht digitale Innovation.

Was habt Ihr im letzten Jahr gelernt?

Veronika: Ich habe wahnsinnig viel darüber gelernt, zum Beispiel dadrüber, dass Katholik*innen eine andere Perikopenordnung haben und dass die Feste und Sonntage anders benannt sind. Warum heißen die Dinge so, wie sie heißen? Darüber haben wir uns viel unterhalten. Und digital habe ich viel darüber gelernt, wie wir eine Community aufbauen, wie unsere Community funktioniert, wie wir in Kontakt treten. Und Antworten auf die Frage: Wie schaffen wir es, dass die Andachten nicht nur etwas zum Angucken sind, sondern auch etwas zum Mitnehmen?

Lisa: Ich habe auch gelernt, wie kollektives Arbeiten ohne Hierarchie funktioniert, dass Entscheidungswege im Konsens funktionieren können. Und viel über meine eigene Spiritualität, weil ich in vielen Dingen gewachsen bin. Das ist für mich auch ein Lernprozess, der noch nicht abgeschlossen ist.

Das Interview führte Franziska Schmid.

Linktipp: Hier finden Sie das Instagram-Profil von
@fak.kollektiv.

Dieses Interview ist Beitrag des publicatio e.V.-Monatsthemas "Glauben 2021".
Alle Beiträge gibt es hier: https://explizit.net/monatsthema/.

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Kategorie: Religion Wirtschaft

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