Prof. Thomas Söding - Foto: Peter Bongard / ZdK

Söding: "Es braucht glaubwürdige Verkündigung"

Der Gastbeitrag "Rom sagt wieder „Nein“ – und wer sagt „Ja“?" von Prof. Thomas Söding, Vizepräsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) und ehemaliger Inhaber des Lehrstuhls für Neues Testament an der Ruhr Universität Bochum (RUB), zur Ablehnung des von der Deutschen Bischofskonferenz beantragten „Predigt-Indult“ durch das Dikasterium für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung des Heiligen Stuhls.

Rom sagt wieder „Nein“ – und wer sagt „Ja“?

Als ich Diplomtheologe war, durfte ich predigen – sonntags in der Eucharistiefeier nach dem Evangelium, mit offizieller Erlaubnis. Dann durfte ich es nicht mehr, weil die Ausnahmegenehmigung für Deutschland, die nach der Würzburger Synode erteilt worden war, zurückgezogen wurde – und ich habe mich, um niemanden in die Bredouille zu bringen, an die Richtlinie gehalten, obschon sie mich theologisch nicht überzeugt hat. (Ich hatte es auch leicht, weil ich in die Universität gegangen bin und nicht in den Gemeindedienst.) Zwischendurch durfte ich wieder sonntags predigen, für ein halbes Jahr, mit bischöflicher Lizenz, weil der Pfarrer meiner Gemeinde krank war und der Aushilfsgeistliche kaum Deutsch sprach. Danach durfte ich wieder nicht. Was ich immer durfte: Kommentare schreiben, in denen die biblischen Texte ausgelegt werden, um die Homilie zu unterstützen; Priesteramtskandidaten im Studium unterrichten, zu dem als Hauptfach die Exegese gehört, um sie auf den Predigtdienst vorzubereiten; Priesterfortbildungskurse halten, in denen der Stand der Wissenschaft vermittelt wurde, um die Predigtpastoral zu fördern – und ich durfte bei Andachten, bei Wort-Gottes-Feiern, bei Gedenkveranstaltungen und liturgischen Festen das Wort Gottes auslegen, auch ein Evangelium. Ich habe das alles sehr gerne getan und tue es weiter gerne. 

Es geht aber nicht um mich. 

Die Kirche braucht gute Predigten

Es geht um die Qualität, um die Farben und Töne, die Stimmen und Gesichter der Verkündigung – und zwar keineswegs nur, aber auch dort, wo die Gemeinde zusammenkommt: in erster Linie beim Mahl des Herrn. Es geht um die Frage, ob die theologischen, die rhetorischen, die pastoralen und die spirituellen Kompetenzen, die es in der katholischen Kirche gibt, auch so genutzt werden, dass die „Evangelisierung“ – die Verbreitung der Frohen Botschaft – so gut gefördert wird, wie es geht.

Deshalb habe ich mich auf dem Synodalen Weg in Deutschland von Anfang an dafür eingesetzt, dass eine Partikularnorm eingerichtet wird, die Predigtmöglichkeiten regelt. Die Bischofskonferenz hatte nun die Bitte um ein „Indult“, eine Sondergenehmigung, dem Dikasterium für Liturgie vorgelegt – sie ist abschlägig beschieden worden. Die Aufgabe, in der Sonntagsliturgie alles zu tun, um das Evangelium verständlich und verbindlich auszulegen, bleibt aber bestehen – und ist nach dem „Nein“ drängender denn je. Es braucht ein entschiedenes „Ja“. Wer sagt es? Und wie sieht es aus?

Um nicht missverstanden zu werden: Ich habe schon viele gute Predigten von Diakonen, Priestern und Bischöfen gehört – und einige sehr gute. Ich denke nicht, dass jede Predigt aus dem Mund von „Laien“ – ein absurdes Wort in diesem Kontext – höchste Qualität erreichen wird. Aber ich denke schon, dass die Erwartungen derer, die – Gott sei Dank – die Messe besuchen, berechtigt sind, eine Predigt zu hören, die ihnen das Evangelium „heute“ erschließt. Von einer Person, die für die Pastoral vor Ort verantwortlich ist – also die Leute und die Lage kennt. Und ich denke auch, dass der Schatz an Begabungen, den die katholische Kirche birgt, sehr groß ist – größer als die Ressourcen, die durch das Weiheamt erschlossen werden. Wo bleiben die Stimmen von Frauen? Wo die von Männern, die Familie haben, aber nicht geweiht sind? Die katholische Kirche braucht mehr als die Homilie von Klerikern. Sie kann auch mehr – oder könnte es, wenn die Oberen wollten.

Die Einheit von Wortgottesdienst und Eucharistiefeier ist vielgliedrig

Die abschlägige Antwort aus Rom – höflich im Ton, hart in der Sache – verweist auf die Einheit der sonntäglichen Feier. Der Tisch des Wortes und der Tisch des Brotes sind ein Tisch des Herrn. Das bestreitet allerdings niemand. Die Frage ist nur, ob die Einheit von Wort und Sakrament zwingend verlangt, dass nur der Kleriker – Priester oder Diakon – die Homilie halten darf.

Mit dem Vorsitz der Eucharistiefeier, der die Aufgabe und das Recht zur Predigt einschließt, kann nicht argumentiert werden. Sonst dürfte kein Diakon predigen. Und die praktische Unsitte müsste sofort unterbunden werden, dass ein geweihter Prediger sonntags von Messe zu Messe springt, ohne sie mitzufeiern, geschweige denn ihr vorzustehen.

Jesus Christus selbst feiert die Eucharistie – mit dem Volk Gottes, das sich versammelt. Der Priester, der dieser Feier in persona Christi capitis vorsteht, hat die Aufgabe, die aktive Teilhabe zu fördern. Auch bei der Predigt. Nur dadurch, dass er redet und alle anderen schweigen, um zu hören?

Das entscheidende Argument für das Vorrecht des Klerikers trägt nicht.

Erstens: Die Verkündigung der Lesungen – „Wort des lebendigen Gottes“ – ist nicht minderen liturgischen Ranges als die Homilie, aber nicht an die Weihe gebunden. Warum ist es dann die Predigt?

Zweitens: Der einschlägige Canon 767 § 1, der die Homilie dem Priester oder Diakon vorbehält, muss unter dem Vorzeichen von Canon 762 gelesen werden, dass die Verkündigung des Wortes Gottes die vornehmste Aufgabe des Priesters und Diakons ist. Es kann aber nicht sein, dass die positive Leitaussage durch einen späteren Canon eingeschränkt – sie muss vielmehr durch ihn unterstützt werden. Deshalb ist der Vorbehalt den Canon 767 § 1 beschreibt, nicht so zu verstehen, dass ausschließlich der Priester oder der Diakon nach dem Evangelium das Wort ergreifen dürfen. Der Rahmen ist weiter.

Der Hauptzelebrant hat die Gesamtverantwortung für die Liturgie – und muss entscheiden, wie er sie bei der Homilie wahrnimmt. In der Regel so, dass er selbst spricht. Aber er hat auch die Möglichkeit, einer anderen Person das Wort zu erteilen. Der Bischof setzt im Rahmen seiner Leitungsverantwortung den Rahmen, am besten synodal abgestimmt. Dies zu unterstützen, war das Ziel des Vorstoßes aus dem Synodalen Weg. Die Kurie lässt sich darauf nicht ein, wiederholt aber bislang nur die Argumente, die alle beim Beschluss des Synodalen Weges bekannt waren (den 90 % der Bischöfe mitgetragen haben).

Eine synodale Kirche ist eine Kirche der wechselseitigen Teilhabe.

Ein synodales Priestertum pocht nicht auf Privilegien, sondern fragt, wie die Gemeinschaft am besten gefördert werden kann. Eine synodale Homilie nutzt die Charismen des Volkes Gottes in der Feier der Eucharistie, die dem Aufbau der Kirche dient. Das Wort „synodal“ kommt im Brief aus Rom gar nicht vor – ein Zeichen, wie viel noch zu tun ist, um die Impulse aufzunehmen, die „Mission“ der Kirche auf viele Schultern zu verteilen, also synodale Kirche zu werden.

Die pastorale Aufgabe bleibt bestehen

Was ist zu tun? Ein schlechter Rat wäre es, sich damit abzufinden, dass die Praxis einfach in einer Grauzone weiterläuft, wie sie sich entwickelt hat: mit dem sonntäglichen Predigtdienst von Beauftragten, die es können. Es wird zu Denunziationen kommen, zu Restriktionen, zu Enttäuschungen. Der Brief leistet der Umkehr und Erneuerung der Kirche einen Bärendienst.

Eine bedauerliche Reaktion wäre die Resignation, gar der Rückzug. Die Weltsynode hat nicht Nein, sondern Ja gesagt: zu qualifizierten Leitungs- und Predigtdiensten, auch in sakramentalen Feiern wie der Trauung. Sie hat nicht zuletzt an den Dienst von Frauen gedacht, aber unabhängig vom Geschlecht argumentiert. Die Öffnung der Predigt in der Eucharistiefeier hat sie allerdings nicht thematisiert – so wichtig sie wäre. Aber die Weltsynode hat gefordert, das Kirchenrecht – noch ist es nicht geschehen – dort zu ändern, wo es eine lediglich beratende Stimme der „Laien“ festschreibt. Den Predigtdienst neu zu ordnen, um den priesterlichen und diakonalen Dienst zu stärken, den Klerikalismus aber zu überwinden, ist überfällig. Das Argument des Kardinals im Brief an den neuen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, wo Eucharistie gefeiert werde, stehe ja ein Priester zur Verfügung, der dann auch die Homilie halten könne, ist lebensfremd – und nicht an der Gemeinde als Hörerin des Wortes orientiert, nicht an der Qualität der Verkündigung, sondern an den Vorrechten des geweihten Amtes.

Gefragt ist jetzt dreierlei

Erstens: Die Bischöfe bleiben in der Pflicht. Bei jedem ad-limina-Besuch – und nicht nur dann – muss das ungelöste Problem angesprochen und auf eine Lösung im Sinn des Synodalbeschlusses gedrungen werden. Sie sollten es öffentlich sagen – und entschieden tun.

Zweitens: Mit den bestehenden Regeln muss so flexibel umgegangen werden, wie sie es erlauben. Sie sind weniger starr, als es manchmal scheint. Dialogpredigten sind möglich. Der leitende Priester kann seine homiletische Verantwortung dadurch wahrnehmen, dass er transparent macht, wer das Wort zur Predigt nach dem Evangelium erhält. Der Brief aus Rom verbietet das nicht – er weist zwischen den Zeilen auf diese Möglichkeit hin.

Drittens: Wo es aus pastoraler Verantwortung richtig scheint, an der bewährten Praxis festzuhalten, dass Beauftragte nach dem Evangelium predigen, brauchen sie Rückendeckung: durch Pfarrer, durch Bischöfe. Die Schweiz ist darin lange geübt. Deutschland kann und muss es ihr nachtun.

Rom hat „Nein“ gesagt – einmal mehr. Die spannende Frage lautet. Wann wird Rom endlich einmal „Ja“ sagen zur katholischen Kirche in Deutschland, die wie kaum eine andere weltkirchliche Solidarität übt? Viele Hoffnungen weltweit richten sich auf eine positive Botschaft. Papst und Kurie sollten sie nicht enttäuschen.

Ein Gastbeitrag von Prof. Thomas Söding. 

Prof. Dr. Thomas Söding ist Vizepräsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) und war von 2008-2026 Inhaber des Lehrstuhls für Neues Testament an der Ruhr Universität Bochum (RUB).

Hinweis: Auf der Website der Deutschen Bischofskonferenz werden der Antrag der DBK und die Antwort des Vatikans dokumentiert.  


Kategorie: Kirche

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