-ein Beitrag im Rahmen des Monatsthemas Digitalisierung und Künstliche Intelligenz der Portale explizit.net und kath.de-
Gerade auch der Wirtschaftsnobelpreisträger 2024 und Institutsprofessor am MIT (Massachusetts Institute of Technology) Daron Acemoglu weist in seinem Buch „Macht und Fortschritt“ auf interessante Aspekte hin, die bisher weniger beachtet wurden.
Die Produktivitätsrevolution ist zurzeit nur eine Wunschprognose
Während Technologieunternehmen häufig von einer bevorstehenden Produktivitätsrevolution sprechen, warnt Acemoglu vor überzogenen Erwartungen. In mehreren Studien argumentiert er, dass der wirtschaftliche Nutzen von KI kurzfristig begrenzter ausfallen dürfte als angenommen. Nur ein kleiner Teil aller Tätigkeiten lasse sich tatsächlich kostengünstig automatisieren. Acemoglu schätzt, dass in den kommenden zehn Jahren lediglich rund fünf Prozent aller Arbeitsaufgaben wirtschaftlich sinnvoll durch KI ersetzt werden könnten. Der Grund liegt in der Realität vieler Arbeitsprozesse: Die meisten Berufe bestehen nicht aus einer einzigen standardisierten Tätigkeit, sondern aus komplexen Kombinationen sozialer, organisatorischer und kreativer Aufgaben. Selbst dort, wo KI einzelne Schritte übernehmen kann, bleibt menschliche Kontrolle oft unverzichtbar.
Diese Thesen haben zumindest für große, international tätige Großbanken eine gewisse Stichhaltigkeit, da hier bereits viele Tätigkeiten durch den Einsatz von Maschinen automatisiert wurden und immer dieselben Tätigkeiten in erheblichem Maße in andere Länder wie Indien oder Polen ausgelagert werden.Die verbleibenden Stellen sind in der Regel recht gemischt, das heißt, es müssen im Tagesablauf viele unterschiedliche Tätigkeiten ausgeführt werden und nicht immer nur sogenannte wissensintensive Routinetätigkeiten. In der Regel gilt, dass Tätigkeiten, die man leicht überwachen kann, auch leicht automatisiert werden können. Die Anstrengung für kreatives Arbeiten kann hingegen schlechter beobachtet und überwacht werden.
Zurzeit wird im Banksektor allerdings versucht, auf europäischer Ebene eine weitgehende Homogenisierung der gesetzlichen Rahmenbedingungen und einen erleichterten Marktzutritt gerade auch von Verwahrstellen von Wertpapieren in alle Länder der EuropäischenUnion zu erreichen. Das zielt aber darauf ab, Arbeitsprozesse zu homogenisieren und dann automatisieren zu können,und hat so direkt nichts mit der KI zu tun.
Acemoglu warnt zudem vor einer weiteren problematischen Entwicklung, die er als „so-la-la-Automation“ bezeichnet – eine mittelmäßige Automatisierung, die zwar Arbeitskräfte ersetzt, aber kaum echte Produktivitätsgewinne schafft. Unternehmen könnten versucht sein, Menschen durch billigere KI-Systeme zu ersetzen, selbst wenn die Qualität leidet. Beispiele dafür finden sich bereits im automatisierten Kundendienst oder bei algorithmisch erzeugten Online-Inhalten. Die Folge wären sinkende Löhne und schlechtere Dienstleistungen, ohne dass die Gesamtwirtschaft spürbar effizienter würde.
Soziale Intelligenz als Wettbewerbsvorteil
Auch hier kann man ihm teilweise recht geben. Wohl jeder hatte schon mit KI-Systemen zu tun, wenn man versucht, den Kundendienst einer Bank oder anderer Dienstleister zu erreichen, und viele werden mit dem Ergebnis nicht zufrieden gewesen sein. Es zeichnet sich ab, dass es bei vielen Dienstleistungen zu einem billigen Basisprogramm, etwa bei Bankdienstleistungen und der Gastronomie (‚Self Service‘ und Lieferdienste), kommt. Hier ist der Wettbewerbsdruck dann recht hoch und die Margen entsprechend gering. Geld kann man hier dann vor allem durch einen exzellenten Service verdienen, für den die Kunden bereit sind, zu bezahlen. Also eher soziale Intelligenz als artifizielle Intelligenz. Die Edelgastronomie lebt gerade auch von der persönlichen Zuwendung des Personals an die Kunden. Auch im Handel gilt, dass ein positives Einkaufserlebnis und gute Beratung zu einem höheren Umsatz und mehr Rendite führen. Mit reiner Bedürfnisbefriedigungim Massengeschäftist kaum Geld zu verdienen. Nur mit einem Service, der höhere Preise rechtfertigt, lassen sich gute Margen bei Dienstleistungen erzielen. Noch deutlicher ist die Wichtigkeit von sozialer Intelligenz in der Altenpflege und im Gesundheitswesen. Hier kann menschliche Zuwendung nur sehr bedingt durch KI ersetzt werden.
KI kann nicht überall gut eingesetzt werden.
In vielen Tätigkeitsfeldern ist es kaum möglich,KI als Ersatz für menschliche Arbeitskraft einzusetzen. Etwa in den meisten handwerklichen Berufen, der Landwirtschaft oder der Medizin. Auch im Bereich der inneren und äußerenSicherheit wird die KI den Menschen nicht ersetzen können, sondern seine Fähigkeiten erweitern und unterstützen. KI wäre hier ein weiteres Instrument, das den Menschen unterstützt, wie etwa der Taschenrechner oder der Personal Computer. Auch dürfte die KI langfristig neue Beschäftigungsfelder hervorbringen – etwa in der Datenanalyse, der KI-Überwachung, der digitalen Bildung oder im Bereich menschlicher Dienstleistungen, die sich kaum automatisieren lassen.
Technologische Innovation bedeutet nicht automatisch gesellschaftlichen Fortschritt
Daron Acemoglu erinnert daran, dass es den meisten Menschen auf der Erde heute besser geht als ihren Vorfahren. Sie haben sich in den frühen Industriegesellschaften Bürger und Arbeiter zusammenschlossen, um die von den Eliten bestimmten Entscheidungen über Technologie und Arbeitsbedingungen anzufechten sowie eine gleichmäßigereAufteilung der Erträge technischer Verbesserungen zu erzwingen. Entscheidend wird daher die politische Gestaltung des Wandels sein. Bildungssysteme, Weiterbildung und soziale Sicherung gewinnen an Bedeutung. Wenn Beschäftigte frühzeitig für neue Anforderungen qualifiziert werden, könnte KI tatsächlich denWohlstand erhöhen, ohne massive Arbeitslosigkeit auszulösen. Unterbleiben solche Investitionen, drohen soziale Spannungen und eine weitere Polarisierung des Arbeitsmarktes. Wichtig ist daher nicht nur, was Maschinen können, sondern auch, wie Gesellschaften entscheiden, sie einzusetzen.
DieEuropäische Union versucht, die KI stärker zu regulieren. Datenschutz, Transparenz und Arbeitnehmerrechte spielen dabei eine größere Rolle. Kritiker befürchten Wettbewerbsnachteile gegenüber den USA und China. Befürworter argumentieren dagegen, dass gerade Vertrauen und Verlässlichkeit langfristig wirtschaftliche Stärke schaffen könnten.
Acemoglu und Simon Johnson betonen auch die Notwendigkeit des Eigentumsrechts der Nutzer an ihren Daten und einen wirksamen Schutz der Privatsphäre. Auch eine Automatisierungssteuer und die Zerschlagung von Monopolen der Tech-Konzerne sollten nicht außer Betracht gelassen werden, um die technologische Entwicklung weg von Automatisierung, Überwachung, Datensammlung und digitaler Werbung zu lenken.
Man darf also gespannt die weitere Entwicklung betrachten. Wird die KI hauptsächlich dazu verwendet, Arbeitnehmer zu überwachen und als Ersatz für menschliche Arbeitskräfte zu dienen? Oder wird sie die Fähigkeiten der Menschen erweitern und damit einen Produktivitätsschub auslösen, den wir angesichts des weltweiten Rückgangs des Arbeitskräftepotenzials, insbesondere bei gut ausgebildeten Menschen, dringend brauchen?
Ein Kommentar von Ulrich Lehmann
Literatur u. a.: Daron Acemoglu und Simon Johnson: Macht und Fortschritt, unser 1000-jähriges Ringen um Technologie und Wohlstand.
Hinweis: Die Portale explizit.net und kath.de werden in mehreren Beiträgen über die Themen Digitalisierung und Künstliche Intellgenz im Mai / Juni 2026 hier berichten.
Kommentare (0)
Keine Kommentare gefunden!