Gnadenstuhl, Der Vater hält das Kreuz, Abbeville, Foto: E.B.

Der tote König

Das Königtum Jesu - wieder ein verschütteter Fixpunkt im Leben des Glaubenden. Es offenbart sich kurz im Verhör des Pilatus. Aber was ändert es, einen toten König am Kreuz zu haben?

Vielleicht redet man aus traditionellen Gründen am Christkönigssonntag über Jesus, den König der Juden. König - Symbol der Herrschaft und damit des Reiches Gottes von Frieden und Freude. Oder man redet vielleicht wie Pilatus: Bin ich denn ein Jude? Was geht mich das an? Ganz ega,l wie man sich entscheidet: Die Relevanz fehlt. Wir haben keinen König, wir sind Demokraten und wählen unser Oberhaupt. So scheint es.

Zudem ist das Reich Gottes doch ein Steckenpferd für Tagträumer und Zu-kurz-Gekommene. Diese Welt aus Zuckerwatte existiert nicht oder aber sie meint ein marxistisches Weltfriedensreich, was nicht durch Glauben, sondern durch Klassenkampf in der Geschichte erreicht werden wird. Etwas übertrieben, mag man meinen. Doch in der Tat ist dieses Reich der sozialen Gerechtigkeit der feuchte Traum der Weltbürger, der UNO-Humanisten und Weltverbesserer, an dem jeden Tag ein Stück gearbeitet wird. Man nennt das Politik.

Der Jünger Jesu unterscheidet sich in dieser Hinsicht nur unscheinbar. Ob Reich Gottes oder Weltgesellschaft. Zwei Wörter für ein und dieselbe Sache. Nur es gibt ein Problem: den König.

Die aufgeklärten Weltverbesserer haben ihren Kant im Ohr und folgen dem gekrönten Kategorischen Imperativ. Das mehr oder weniger geschulte Faktum des Gewissens regiert und thront samt seiner Pflicht im Herzen des moralischen Humanisten. Die antlitzlose Pflicht jedoch zollte auch schnell Tribut und seit Freud scheint dieser moralische Drang eher den Charakter einer unbewältigten Kindheitsneurose anzunehmen. Der König ist nicht nur antlitz-los, sondern nur die mehr oder minder fiktionale Begabung eines unausgeleuchteten, tendenziell vergewaltigten Unterbewusstseins. Der aufgeklärte Aufklärer, der Mensch 2.0, hat diese überwunden und meint nun, als tatsächlich freier Mensch, die anderen Menschen aus ihrer Gefangenschaft in das gelobte Land des Humanismus zu überführen. Jede Weltsicht hat ihr Paradies und auch ihren Exodus.

 Irgendwie ist die Welt doch in Wehen und irgendeinen guten Kampf muss man doch kämpfen. Es heißt ja nicht umsonst „Klassenkampf“. Aus der Politik ist so der politische Kampf geworden. Ursprünglich meinte Marx mit „Klassen“ die Produktionsverhältnisse: Arbeiter und Kapital. Heute sind diese Begriffe aufgelöst worden. Es geht nicht mehr um diese Gruppen. Mit gleichem Impetus aber legt man den Begriff auf andere Gegebenheiten um: Weiß und Schwarz, Mann und Frau, links und rechts, progressiv und konservativ, Ost und West. Im Klassenkampf jeglicher Couleur geht es nicht um den wahren Kampf, sondern um die Vernichtung des Gegners. Es geht um Feindbilder, um Unkrautbekämpfung. Immer kämpft man gegen etwas. Die Identität kommt vom Feind. Links ist, wer gegen Rechts ist. Rechts ist, wer gegen Links ist. Was passieren würde, wenn der Feind plötzlich fehlte? Würde die eigene Identität verloren gehen? Wohl kaum. Es gäbe nur einen neuen Feind.

Für den Christen hat der politische Kampf etwas unglaublich Lächerliches. Seine Identität hängt nicht von seinem Feind ab. Er definiert sich nicht darüber, gegen wen er kämpft, sondern für wen er kämpft. Er kämpft für seinen König, Jesus Christus. Die Ritter des Eine-Welt-Humanismus dagegen sind herrenlose Soldaten.

Doch der Stachel geht noch weiter. Denn: Das Königtum Jesu ist nicht von dieser Welt. Er hat keine Truppen, die mit Schwertern ausziehen. Sie ziehen auch nicht mit Laptops an die Börse oder mit Strickpullis durch die Institutionen. Sie kämpfen nicht gegen politische Feinde. Sie reklamieren weder Land für sich noch erobern sie Wirtschaftsräume. Aber wo ist denn dieses Reich des Christus?
Der König thront im Herzen. Die Welt ist das Reich der Seele, der geistigen Person. Das Schlachtfeld sind die Gründe und Flure des Menschlichen, die Gefilde der Beziehungen, die Geflechte der Freundschaft und der Liebe. Die Herrschaft breitet und weitet sich über die inneren Regungen. Kämpfen heißt hier Hadern: mit den Mitmenschen, mit sich, mit Gott. Der Sieg wird nicht gegen den Menschen errungen, sondern mit ihm. Trägheit, Stolz, Gier, Geiz, Hass, Neid, Eifersucht werden niedergemacht. Die Waffen heißen Glaube, Hoffnung, Liebe, Armut, Demut und Gehorsam.
Es ist so schwer zu erkennen, dieses Königtum. Der Feind wird nicht niedergebrüllt. Man arbeitet nicht mit Heimtücke. Es wird nicht denunziert und Rufmord ist kein zulässiges Kampfmittel. Es gibt kein Hauen, kein Stechen, kein Petzen, kein Kneifen. Man sieht den Sieg nicht. Es gibt keine Pressemeldungen, keine Zeitungsartikel, keine Frontberichte.

Und es bleibt merkwürdig: Jesus starb doch. Der König ist doch tot. Eigentlich hätten die Jünger enttäuscht aufgeben müssen. War denn Jesus jemals eine Alternative zum politischen Kampf? Ihr König ist genauso tot wie jeder andere König der Geschichte. Sind die Christen nicht auch herrenlose Soldaten? So ist es nicht gekommen. Jesus hat im Grab gelegen. Drei Tage Kampf mit dem Tod, dem letzten Feind Gottes, selbst. Weil Jesus auferstanden ist, haben Christen einen König. Sie haben einen König, der selbst den Sieg errungen hat. Er hat sich in die Erde begeben, um im Menschen aufzuerstehen.
Alle Reiche der Welt sterben. Selbst die beständigsten Herrschaftsgebiete und Königtümer haben den Tod gefunden. Eines Tages wird die Bundesrepublik vergangen sein. Die Europäische Union wird vergehen. Wer an diesen Reichen baut, der muss um ihre Vorläufigkeit wissen. Sie sind nicht gebaut für die Ewigkeit. Kaum sind sie da, schon sind sie wieder zerfallen. Das ist die letzte Aufklärung. Die Vergänglichkeit, die Endlichkeit begräbt jeden Menschen. Nur der Tod ist der wahre Demokrat. Dort sind wir alle gleich. Nur ein Reich hat Bestand: das Reich Gottes, die Herrschaft Christi. Cuius regni non erit finis – dessen Herrschaft ohne Grenze sein wird.
Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr, Gott, zu unseren Zeiten. Es ist doch ja kein andrer nicht, der für uns könnte streiten!



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