– ein Beitrag im Rahmen des Monatsthemas Digitalisierung und Künstliche Intelligenz der Portale explizit.net und kath.de –
Am Anfang war es vielversprechend: Texte auf Knopfdruck, Bilder und Videos im Sekundentakt und das weitestgehend zum Nulltarif. Als 2023 die ersten Sprachmodelle den Markt beinahe über Nacht revolutioniert haben, hat das auch vor Unternehmen und Redaktionen nicht Halt gemacht. Diese haben gedacht, sie könnten die Erstellung von Grafiken, Videos und Texten an eine Künstliche Intelligenz (KI) abgeben. Ein Trugschluss, der sich in den nächsten Monaten/Jahren rächen wird. Denn die Kündigung von externen Texterinnen und Textern und Journalistinnen und Journalisten sorgt nur für eines: eine sinkende Qualität der erstellten Produkte. Und genau das fordern Large Language Modelle (LLMs) ein: einen hohen Standard durch eine tiefgründige Recherche, menschliche Einordnung und eine kompromisslose Qualitätskontrolle.
Scheinbare Perfektion und das Erwachen im Netz
Durch den Einsatz von KI-Modellen wie Gemini, Claude oder ChatGPT ist die Erstellung von Content deutlich einfacher und schneller geworden. Ein Fakt, der sich nicht abstreiten lässt. Moderne LLMs verfügen inzwischen über einen großen Wortschatz und anhand von Wahrscheinlichkeiten können sie auch die passende Formulierung finden. So ist der finale Output oftmals nicht von menschlichen Texten zu unterscheiden. Nur wer tagtäglich mit diesen Modellen arbeitet, kann unterscheiden, ob es sich um ein rein menschliches Erzeugnis handelt oder nicht.
Stimmt die Vorarbeit durch gezieltes Prompten und Training, klappt die Konditionierung des LLMs so gut, dass sie die sogenannte „Brand Voice“, also die Stimme des Unternehmens/Autors, zu etwa 80 % gut trifft. Hier liegt allerdings die Krux begraben. Aufgrund einer sprachlichen Eleganz erscheinen die Texte nicht oberflächlich, obwohl ihnen inhaltliche Tiefe fehlt.
Harte Daten: Die Quittung der großen Core-Updates
Das haben auch Unternehmen nach der ersten Automatisierungswelle festgestellt. Plötzlich haben die Texte nicht mehr den gewünschten Tiefgang, obwohl sie sich gut lesen, und der Erfolg im Worldwideweb ist ausgeblieben. LLMs haben die Spielregeln bei Suchmaschinen und SEO-Tools verändert. Datenanalysen von großen Branchenplattformen bestätigen unabhängig voneinander einen klaren Trend:
- Ahrefs-Studie zur Sichtbarkeit: Rein KI-generierte Beiträge, die keinen Nutzwert (Information Gain) haben, sondern nur bestehende Webinhalte neu zusammenwürfeln, verlieren nach großen Core-Updates drastisch an Sichtbarkeit.
- Semrush-Daten zu EEAT: Stabile Rankings erfordern eine strikte Erfüllung der Kriterien Erfahrung, Expertise, Autorität und Vertrauenswürdigkeit (EEAT-Formel). KI kann ein theoretisches Wissen simulieren, aber keine Beobachtungen aus der Praxis einbringen.
- Ubersuggest-Erkenntnisse zur Interaktion: Händisch optimierte und menschlich kuratierte Inhalte erzielen eine signifikant höhere Verweildauer (Dwell-Time) und deutlich bessere Interaktionsraten als ein ungefilterter KI-Content.
Dass diese Entwicklungen nicht ohne Konsequenzen bleiben, ist logisch. Inzwischen rudern Unternehmen schrittweise zurück. Sie erkennen, dass ihre Inhalte einen menschlichen Experten oder Expertin benötigen, um weiterhin in Suchmaschinen sichtbar zu bleiben. Texterinnen und Texter und Spezialistinnen und Spezialisten, die KI als strategisches Werkzeug benutzen, gewinnen immer mehr an Relevanz auf dem Markt. Denn eine KI kann die besten Ergebnisse liefern, aber was soll getan werden, wenn diese nicht zum Unternehmen passen oder gar auf falschen Informationen beruhen?
Seit Google die „AI-Overwies“ im DACH-Raum im März 2025 ausgerollt hat, hat sich die Websuche auch verändert. Wobei der Konzern schon lange vor diesem großen Core-Update festgestellt hat, dass der User und die Userin immer konkreter und nicht mehr nur nach einzelnen Begriffen suchen. Entsprechend war das Update aus März 2025 nur ein logischer Schritt, um die Suche zu erleichtern und den User schneller ans Ziel zu bringen. Die Userin und der User suchen immer öfter über KI-Assistenten wie Gemini, ChatGPT und Claude. Oberflächlicher Content verliert daher an Bedeutung und wird gar nicht in den „AI-Overwies“ angezeigt.
Die Zeitenwende in der Websuche: Von SEO zu GEO
Statt SEO (Search Engine Optimization) ist nun GEO (Generative Engine Optimization) das neue Gebot, um im Web gefunden zu werden. Für den Content-Creator und -Creatorin, egal, ob Texter und Texterin oder Unternehmen, hat das ebenfalls weitreichende Folgen. Inhalte dürfen nicht mehr als oberflächliches Massenprodukt erstellt werden. Gefragt ist qualifizierter Journalismus, der in die Tiefe geht, (exklusive) Daten liefert und strukturelle Analysen bietet.
Warum die menschliche Intelligenz in Form eines journalistischen Kurators bzw. Kuratorin unverzichtbar bleibt, zeigt ein Blick auf die technischen Grenzen. LLMs greifen oftmals auf statistische Wahrscheinlichkeitsdaten oder mit Verzögerung aktualisierte Trainingsdaten zurück. Fragt man beispielsweise Gemini nach dem aktuellen Oberhaupt der katholischen Kirche, ist die KI der festen Überzeugung, dass Papst Franziskus immer noch im Amt sei, was nachweislich nicht der Fall ist. Das System gewichtet die jüngsten Ereignisse im Live-Kontext also falsch. Hier ist also Vorsicht geboten und die KI muss händisch mit Belegen entsprechend korrigiert werden.
Technische Grenzen und die Verantwortung der Journalistinnen und Journalisten
Außerdem bewertet eine KI-Daten rein statistisch und nicht im Kontext. Ihr fehlen Empathie, moralisches Gespür und das Vermögen, komplexe, gesellschaftliche Themen ethisch einzuordnen. Eine gründliche, journalistische Recherche ist daher Pflicht und kein Relikt der Vergangenheit, sondern die wichtigste Lebensversicherung für Qualitätsmedien und Marken im KI-Zeitalter.
Das Berufsbild des Journalisten und der Journalistin sowie des Autors und der Autorin stirbt daher nicht aus, sondern es verändert sich. Auch wenn die Content-Erstellung einfacher und effizienter wird, verschiebt sich dennoch das Tätigkeitsfeld von der reinen Schreibarbeit hin zur strategischen Datenaufarbeitung, der investigativen Recherche und finalen Qualitätskontrolle. Eine KI ist ein hervorragender Assistent, aber die Deutungshoheit und die Verantwortung für die Wahrheit bleiben beim Menschen.
Quellen:
Ahrefs: https://ahrefs.com/blog/websites-using-ai-content-grow-faster/ ; https://ahrefs.com/blog/ai-seo-statistics/
Semrush: https://www.semrush.com/blog/ai-seo-statistics/ ; https://www.semrush.com/blog/ai-search-seo-traffic-study/
Ubersuggest: https://neilpatel.com/marketing-stats/ai-vs-human-content-traffic/ ; https://neilpatel.com/marketing-stats/visitor-time-on-site-trends/
Jenny Musall
(freie Journalistin aus Bochum)
Hinweis: Die Portale explizit.net und kath.de berichten in mehreren Beiträgen über die Themen Digitalisierung und Künstliche Intelligenz in der Rubrik Monatsthema hier.
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