Gegen die Bestie braucht es Mut, Kirche Bad Wimpfen, F. hinsehen.net E.B.

Das Böse - mangelnder Freiheitsmut: Theodizee 4

Freiheit ist freier, wenn andere frei sind. Nicht dann wächst meine Freiheit, wenn möglichst viele das machen, was ich will. Freiheit verlangt, von mir wie von jedem anderen, dass ich sie wahrnehme, indem ich für mein Leben die richtungsgebenden Entscheidungen treffe und die Verantwortung für meine Handlungen übernehme und das auch anderen zugestehe. Soll diese Freiheit dann tatsächlich das Einfallstor für das Böse sein.

Wenn das Böse erst mit dem höchst entwickelten Lebewesen, dem Menschen, in die Welt kommt und sogar von innen her den Bestand der Menschheit bedroht, dann muss man am Menschen ansetzen. Aber wie? Soll er sich zum Tier zurückentwickeln oder muss man seine Freiheit einschränken? Die meisten Philosophen und Theologen sind sich einig: Es ist die Freiheit, die das Böse möglich macht. Damit bringen sie Staaten, Religionsgemeinschaften, Vorstände von Firmen, Internetkonzerne auf die Idee, die Freiheit einzuschränken, um das Böse zurückzudrängen. Also Mobbing, Ausbeutung, Völkermord sollen aus der Freiheit entspringen. Zwar könne Gott ja eingreifen, aber er tastet die menschliche Freiheit nicht an. Müsste er aber, so diejenigen, die verlangen, Gott solle sich angesichts der vielen Übel rechtfertigen. Aber ist es tatsächlich die Freiheit, die das Böse hervorbringt? Muss Gott der Freiheit Einhalt gebieten?

Das Böse macht nicht freier

Im Hinblick auf die Freiheit ist das Böse doch kein Aufbruch in die Freiheit, sondern es dringt immer auf Freiheitsentzug. Diktaturen engen immer die Meinungsfreiheit ein. Auch Demokratien fordern mehr Anpassung als notwendig. Wer hat ein Interesse daran, dass sich ein Mensch frei entwickelt? Gerade das unter dem Motto: „Freie Rede, Transparenz für alles und jeden“ angetretene Internet ist zum größten Überwachungsinstrument verkommen, das die Menschheit bisher entwickelt hat.

Das Böse ist nicht Tat von einzelnen

Korruption, auch in der Form des Dopings, setzt immer ein Netzwerk voraus. Es braucht beim Doping die Ärzte, die Trainer, die Verbandsfunktionäre und das Schweigen der Athleten, damit das überhaupt funktioniert. Seit es die Dopingkontrolle gibt, müssen auch die Kontrolleure mitspielen, zumindest ein Auge zudrücken, wenn die Urinproben vertauscht werden. Irgendwann bekommt das System ein Leck, wenn z.B. einzelne Sportler und Sportlerinnen die Dopingpraxis aufdecken. Aber auch dann braucht es Journalisten, die darüber berichten. Die Journalisten brauchen dann noch Chefredakteure, die das erlauben. Sind die Medien an die Kandare genommen, gibt es nur noch das Ausland. Die Sportverbände sind kaum handlungsfähig, denn das Dopingsystem eines Landes ist ja Teil eines internationalen Verbandes und wird sich mit anderen Dopingsystemen vernetzen. Dann muss es viele Menschen geben, die die Aufklärung der Dopingnetzwerke auch wollen. Da kann man nicht mit der Mehrheit der Zuschauer von Sportübertragungen rechnen, die ja ihre Athleten und Mannschaften auf dem Siegespodest sehen wollen.

Ethnische Säuberung und Völkermord

Ein Diktator scheint auszureichen, damit es zu sog. Säuberungswellen und Genozid kommt. Ob Nero, Iwan der Schreckliche, Hitler oder jetzt Erdogan. Aber was ist mit dem Taxifahrer in einer türkischen Stadt, der eine Frau nicht einfach an ihren Zielort bringt, sondern ihr gleich die Polizei auf den Hals schickt. Während der Fahrt sind sie ins Gespräch gekommen, die Frau kritisiert die Regierung. Bald nach Fahrtende wird sie von der Polizei abgeholt. Der Taxifahrer hatte ihr Gespräch aufgezeichnet. Bei näherem Hinsehen stellt sich immer heraus, dass es doch viele Mitstreiter geben muss, um tausende Menschen ins Gefängnis zu bringen und Millionen Juden oder Armenier umzubringen. Das sind, wie der Taxifahrer, keine bloßen Mitläufer. Es gibt zwar in dem jeweiligen Diktator einen Initiator, aber dieser allein kann das blutige Handwerk nicht ausführen. Befehle eines Polizeiministers müssen auch befolgt werden.

Fehlende Freiheit

Je größer das Böse sich aufbläht, desto mehr Menschen sind auch in ihrem Gewissen betroffen. Es sind nicht unbedingt die Denunzianten, die Häscher und die Henker, deren Gewissen sich regt. Jedoch im Umfeld der Deportierten und Ermordeten gibt es viele, die nicht einverstanden sind. Wenn nicht nur einige wenige, sondern Viele ihre Freiheit nutzen würden, dann könnten sie dem Bösen Einhalt gebieten. Von den sicher vielen Beispielen im sog. Dritten Reich ist das der Frauen jüdischer Männer bekannt geworden, die im Frühjahr 1943 in der Rosenstraße in Berlin Mitte für die Freilassung ihrer jüdischen Männer protestierten. 2.000 Männer kamen tatsächlich frei. Es geht also darum, sich gegen das Böse ebenso zu vernetzen und nicht zurückzuweichen.
Warum die Moderne, die mit der Aufklärung die Vernünftigkeit und die Menschenrechte herausgestellt hat, das bisher nicht erreicht hat, und heute der Atheismus fordert, dass Gott eigentlich dafür zuständig sei, verwundert. Man müsste gegen Gott zumindest so argumentieren, dass er die Vernunft nicht so stark gemacht hat, dass jeder die Vernunftwidrigkeit des Bösen einsieht. Oder braucht es nicht gerade Intelligenz, um einen Völkermord zu organisieren? Ist die Vernunft selbst nicht immun gegenüber dem Bösen oder lässt sie sich einschüchtern? Es reicht also nicht die Einsicht der Vernunft. Deshalb kommt es darauf an, das Freiheitsbewusstsein und den Mut derjenigen, die sich nicht im Netzwerk des Bösen verfangen haben, so zu stärken, dass sie in größerer Zahl für die Freiheit einstehen. Es müssten nur mehr sein, die sich nicht einschüchtern lassen. Das war doch bei den Montagsdemonstrationen, die das Ende der DDR bewirkten, der Fall.

Ohne Gott mehr Freiheitsmut?

Die Theodizee-Frage hat damit eine neue Stufe erreicht. Um den Einwand gegen die Existenz Gottes hieb- und stichfest zu machen, müssten die Vertreter der Theodizeearguments aufzeigen, dass die Abschaffung Gottes tatsächlich den Freiheitsmut erhöht. Damit geraten diejenigen, die wegen der Übel in der Welt die Existenz Gottes für unmöglich erklären, in einen Widerspruch. Auf der einen Seite fordern sie, dass Gott eingreift und damit die Freiheit des Menschen beschneidet. Also wie Diktatoren und auch manche Religionsführer verlangen sie, die Freiheit des Menschen als das Übel hinzustellen, das beseitigt werden muss. Das haben die Diktaturen des 20. Jahrhunderts dann auch nachhaltig versucht. Auf der anderen Seite erklären sie, mit der Abschaffung Gottes die Freiheit des Menschen zu vergrößern. Dann müsste, wie oben gezeigt, der Freiheitsmut der Unterdrückten so gesteigert werden, dass z.B. die unter einem Bürgerkrieg Leidenden den Kämpfern die Waffen aus den Händen nehmen. Auf der anderen Seite wird die Freiheit des Menschen empfindlich beschnitten, um dem Neuaufbau der menschlichen Gemeinschaft den Weg zu bahnen. Ob Kommunismus oder Nationalsozialismus, beide haben die Freiheit eingeschränkt. Während der Nationalsozialismus militärisch besiegt wurde, brach der Kommunismus durch den Freiheitswillen der Menschen zusammen. Gerade der Zusammenbruch des Sowjetsystems zeigt die zentrale Rolle der Freiheit bei der Überwindung des Bösen.

Nicht die Abschaffung Gottes, sondern mehr Freiheitsmut

Die Unterstellung, die Freiheit sei das offene Tor, durch das das Böse in die Welt eindringt, ist hinfällig. Zu wenig Freiheit lässt das Böse erst zur Epidemie werden  Das Böse wurzelt nicht in der Freiheit, sondern, wie in dem Beitrag über die Dramaturgie des Bösen gezeigt, vor allem in der Rivalität. Der andere soll nicht sein, deshalb muss ich ihm schaden, ihn mobben und am Ende auch umbringen. Jeder der Genozide im 20. Jahrhundert, ob gegen die Armenier, die Ukrainer, die Juden, die Tutsis oder der Konfessionskrieg zwischen Schiiten und Sunniten bezieht seine Brutalität aus dem Wunsch, den anderen loszuwerden. Es gilt die Maßgabe von Amnesty international: wo Freiheit eingeschränkt oder genommen wird, ist auch meine Freiheit beeinträchtigt. Das beginnt bereits, wenn schlecht über mich geredet wird.

Der Freiheit die Verantwortung für das Böse anzulasten, hat empirisch beobachtbare Folgen: Regime, die Freiheit einschränken, werden zum Polizeistaat, bauen die Geheimpolizei aus und erhöhen die Gewalt. Meist ist auch eine höhere Selbstmordrate die Folge von Freiheitseinschränkung. Gegen das Argument, die Freiheit öffne dem Bösen die Tür, ist nach diesen Überlegungen zu sagen: Es ist nicht die Freiheit, sondern das planende Bewusstsein, die Fähigkeit, die Instrumente zu organisieren, um einen Völkermord auch durchzuführen. Das sind die Ermöglicher des Bösen. Die Rehabilitation der Freiheit kann noch durch die Überlegung vertieft werden, welches Verhalten provoziert würde, wenn Gott dem Übel durch Eingriff in die menschliche Freiheit Einhalt gebieten würde. Das wurde bei Theodizee 3 aufgezeigt.

Links:
Dramaturige des Bösen 

Noch mehr Gewalt, wenn Gott eingreift



Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben

Zum Seitenanfang