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Arbeit gerecht bewerten – durch Aufnahme des Wissens in die Bilanz

Arbeit scheint zu teuer. Wenn man sie von Maschinen machen lässt, dann wachsen die Gewinne. Deshalb wird das wachsende Heer der Betriebswirte auf Reduzierung der Arbeitskosten angesetzt. Aber verspricht das Zukunft. Vor allem: Macht die Berechnung der Arbeit die Mitarbeiter zufriedener und damit wertvoller für das Unternehmen? Die Gerechtigkeitslücke, die die SPD offen gelassen hat, kann deutlicher gemacht werden.

Die Gerechtigkeitsfrage stellt sich neu. Martin Schulz und die SPD sollten die alten Gräben verlassen, den Entfremdungsbegriff von Marx auf die jetzige Arbeitsorganisation anwenden und Siegmar Gabriel sollte als Wirtschaftsminister mehr gelernt haben. Bei dem jetzigen Spiel, die Arbeitsanforderungen ständig höher zu schrauben,  machen alle mit, die Gewerkschaften können höhere Lohnforderungen stellen, viele werden krank, wenige verdienen viel zu viel. In eine Dienstleistungsgesellschaft passt die aktuelle Form von Betriebswirtschaft nicht mehr. Das liegt an der einseitigen Rechenkunst der Betriebswirtschaftslehre. Sie bedarf dringend der Ergänzung durch eine Wissensbilanz, in der das Know how und die Kompetenz der Mitarbeiter „zu Buche schlagen“.

Maschinen gelten als Vermögen, Mitarbeiter als Hauptkostenfaktor

Der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit entstand, weil man durch Maschineneinsatz und niedrige Löhne das eingesetzte Kapital mehr Gewinn abwarf. Das ist so geblieben. Mitarbeiter gelten weiterhin als Kostenfaktor. Das stimmte  für das Industriezeitalter schon nicht mehr. Die erfolgreichen Unternehmen hatten eine kompetente Belegschaft, mit der sie etwas „vermochten“. Robert Bosch hat das früh erkannt, Krupp und Daimler waren nicht wegen ihres Maschinenparks erfolgreich, sondern wegen ihrer Personalpolitik. Aber die Rechnungslegung spiegelt das Vermögen, das in der Kompetenz der Belegschaft liegt, immer noch nicht wider. Mitarbeiter kosten monatlich Geld, dagegen werfen Maschinen Geld ab. Sie müssen zwar abbezahlt werden, jedoch erwirtschaften sie Gewinn, weil man Arbeitskräfte und damit Lohnausgaben spart. Deshalb werden Maschinen als Aktivposten verbucht, Mitarbeiter auf der Kostenseite. Ebenso stehen die Wartungskosten nicht bei den Kapitalwerten, sondern müssen ebenso als Kosten verbucht werden. Das erklärt, warum die Lokomotiven bei der Bahn so oft ausfallen. Sie gewinnen in der Bilanz nicht an Wert, wenn sie gut gewartet werden.
Auch Krankheitskosten, die ja auch wegen mangelnder "Wartung" z.B. in Form von Burnout entstehen,  werden irgendwo abgebucht, aber wohl am falschen Platz. Krankheit heißt ja, dass Kompetenz nicht zum Einsatz kommt. Offensichtlich zeigt sich die Betriebswirtschaftslehre als nicht intelligent genug, den Kompetenzfaktor „Mitarbeiter“ zu erfassen:

Maschinen sind leichter zu kalkulieren als Mitarbeiter

Eine Maschine hat ihren einmaligen Preis. Bei großen Industrieanlagen fällt dieser ins Gewicht, ebenso bei landwirtschaftlichen Betrieben mit ihrem Grundbesitz und dem Maschinenpark. Bei einem Krankenhaus lässt sich bereits in der Abrechnung erfassen, ob die Mitarbeiterschaft in der Lage ist, anspruchsvolle Behandlungen und Operationen durchzuführen und damit die Jahresrechnung zu verbessern. Das gilt für die Krankenhäuser schon nicht mehr. Da die Krankenkassen nicht mehr die Aufenthaltsdauer, sondern mit einer Fallpauschale die ganze Behandlung bezahlen, variieren die erstattungskosten je nach Krankheitsbild.  
Der Profisport hat das Problem ebenfalls gelöst. Beim Fußball werden sogar die Summen genannt, die ein Spieler "kostet". Die 200-Millionenmarke ist bereits erreicht.  Die "Preise" für Fußballspieler setzen Marktmechanismen voraus, eben den Transfermarkt. Die Leistungen der Sportler, vor allem ihre Torgefährlichkeit, wird als Unterhaltungsware an die Fernsehanstalten verkauft. Soll das auch auf die Mitarbeiter eines Unternehmens übertragen werden? Wir schrecken davor zurück.

Der "Wert" eines Mitarbeiters

Ganz unberechenbar bleibt der Wert eines Mitarbeiters nicht, der nach der überholten Betriebswirtschaftslehre berechnet wird. Zumindest ist der Arbeitsplatz, den er einnimmt, mit einer Gehaltssumme verbunden. Aber damit werden sein Know How und seine Einsatzbereitschaft noch nicht erfasst. Aber gerade damit trägt er zum Erfolg seines Unternehmens bei. Diese Faktoren sind mindestens so viel wert wie eine Maschine. Dieses Kapital lässt sich nur nicht so leicht berechnen wie das einer Maschine. Auch kann man keine Abschreibungen bei einem Mitarbeiter vornehmen, also die Wertminderung, die eine Maschine wie ein Auto "erleiden", indem sie durch den Gebrauch verschleißen und durch effektivere Konstruktionen ersetzt werden könnten. Mitarbeiter gewinnen durch Berufserfahrung und Fortbildung, sie rücken deshalb in höhere Gehaltsklassen vor und werden damit für das Unternehmen noch teurer. Aber sind ihre Erfahrungen und ihre Urteilskraft nicht von hohem Wert, zudem verfügen sie über vielfältige Kontakte, die andere, die dann in eine niedrigere Gehaltsstufe eingruppiert werden, erst aufbauen müssen. Die Schieflage der Betriebswirtschaft potenziert sich noch durch den Umbau der Wirtschaft:

Von der industriellen Produktion zu den Dienstleistungen

Deutschland verzeichnet im Vergleich zu anderen EU-Ländern einen höheren Industrieanteil. Nach Eurostat trägt die deutsche Industrie 22%  zum Bruttosozialprodukt des Landes bei, in Frankreich nur 11%. Aber auch Deutschland befindet sich im Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft. Mit einem Telefonanschluss, einem Notebook und einem kleinen Elektroauto ist der Maschinenpark bereits vollständig bestückt. Zwar können im Dienstleistungsbereich auch mehr Maschinen und demnächst auch Roboter eingesetzt werden, jedoch bleibt hier der Mensch der Haupt-Produktionsfaktor. Will man hier sparen, muss die Arbeitslast pro Mitarbeiter erhöht werden. In “Dienstleistungsgesellschaften erzeugen mehr Stress“  ist beschrieben, wie das zur typischen Krankheit Burnout führt. Wer mit Menschen spricht, die in der Telefonberatung, in der Gastronomie, als Lastwagenfahrer arbeiten, kann ganz konkret erfahren, wie sich die Arbeitsbeanspruchung immer weiter erhöht hat. Noch mehr betroffen sind die Medienberufe, denn diese müssen nicht mehr nur schreiben und fotografieren, sondern ihre Beiträge online stellen, über Facebook und Twitter bewerben und sind immer mehr für die Reichweite ihres Beitrag selbst verantwortlich. Fast jeder ist über sein Smartphone für berufliche Anforderungen bis in den späten Abend erreichbar.
Es ist deutlich, dass der Produktionsfaktor „Mensch“ betriebswirtschaftlich anders behandelt werden muss, nämlich mit seinem Kapital an Einsatzbereitschaft und, Urteilskraft und fachlicher Kompetenz. Das ist nicht zuletzt deshalb gefordert, weil die Arbeit auch „menschenwürdig“ sein muss. Da Unternehmen immer mehr auf gesunde, einsatzbereite und entwicklungsfreudige Mitarbeiter angewiesen sind, liegt es im Interesse nicht nur der Mitarbeiter, sondern auch des Unternehmens, wenn die Betriebsangehörigen auch rechnerisch anders erfasst werden.

Arbeitsethos – Unternehmensethos, Zufriedenheit, Gesundheit

Maschinen bringen mehr Gewinn, wenn sie ordentlich gewartet werden. Das Gleiche gilt für die Mitarbeiter. Wäre die Betriebswirtschaft tatsächlich näher an den Produktionsfaktoren eines Unternehmens, dann würde sie Krankheitskosten anders erfassen und damit logisch auf Gesundheitsdienste für die Belegschaft ausgerichtet.
Ein wesentlicher Gesundheitsfaktor ist die Zufriedenheit, die sich der einzelne mit der Arbeit einspielt. Wenn die Unternehmen von ihrer Belegschaft Arbeitsethos erwarten, dann doch auch die Mitarbeiter Unternehmensethos. So lange nur Geld als Maß für den Wert der Arbeit wird man dem Mitarbeiter nur zu einem geringen Teil gerecht.

Was wäre in der Betriebswirtschaftslehre zu entwickeln:

Da Wissen zu einem immer entscheidenderen Faktor für Unternehmen wird, muss das Wissen neben Grundstücken, Maschinen und Fuhrpark von der Bilanz erfasst werden. Eine Wissensbilanz ist keine Spielerei, sondern ein wesentlicher Faktor zur Erfassung des Wertes einer Firma.
Die Mitarbeiter sollten erfahren, wo das Unternehmen ihre Kompetenzen sieht, es sind hier verschiedene Bereiche zu unterscheiden, z.B. Prozesswissen, Entwicklungspotentiale, Organisationswissen, Marktkenntnisse, Verhandlungskompetenz…
Das Mitarbeitergespräch und die gezielte Kompetenzentwicklung sind entscheidend für den langfristigen Erfolg eines Unternehmens.
Die Journalisten, die Wirtschaftsseiten und -sendungen betreuen, sollten den Fokus der Berichterstattung stärker auf das Personalmanagement richten. Die Fixierung auf Quartalszahlen erfasst die Risiken nicht.
Die Banken sollten, auch wenn das schwer in den Köpfen zu implantieren ist, eine Wissensbilanz fordern sowie eine Analyse des Krankenstandes, um das zur Basis ihrer Risikobeurteilung zu machen.

Mit Solvency 2 sollen diese u.a. immateriellen Werte für die Bilanz erfasst werden. Hier sollten SPD und Gewerkschaften ansetzen

Klöster und Abteien sparen Kosten nicht durch Entlassungen

Wenn im Zusammenhang mit der „künstlichen Intelligenz“ eine Entlassungswelle zu befürchtet wird, könnten sich Unternehmen an Klöstern orientieren.  Diese Wirtschaftseinheiten funktionieren seit Jahrhunderten, sie kennen auch keine Arbeitslosigkeit. Es gibt immer für jeden etwas zu tun. Auch würde kein Orden auf die Idee kommen, jemanden zu entlassen, um Kosten zu sparen. Anderes als die kommunistischen Staatsbetriebe sind Klöster nicht überreguliert, sondern geben ihren Mitgliedern genügend kreative Freiräume. Vielleicht stellt sich einmal heraus, dass die am Gewinn und damit an der Kostenreduzierung orientierte Organisation der Arbeit ein teurer, die Ressourcen verbrauchender und die Menschen schindenden Umweg war.

Link: Zur von der SPD offen gelassenen Gerechtigkeitslücke
Stress der Dienstleistungsgesellschaft - Burnout
Sinnminderung durch künstliche Intelligenz
Der Sinn der Arbeit religiös erklärt


Kategorie: Wirtschaft

Kommentare (1)

  1. Joachim Waldemer vor 2 Wochen
    Dem kann ich nur beipflichten und ich wuerde noch
    hinzufuegen,dass Roboter und aehnlich autark
    funktionierende Maschinen soviel Steuern und Ab-
    gaben amortisieren muessten,wie sie Menschen
    ersetzen,dann saehe die Rechnung anders aus.
    Desweiteren halte ich es irrsinnig,dass z.B.geforscht
    wird,wie Fahrpersonal in Bussen ersetzt werden
    kann,es sollte nicht alles machbare realisiert werden.Wir ersetzen uns irgendwann selbst!

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