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Sexualität heute und die katholische Kirche: Kommentar zur Vatikanumfrage

Die Vatikanumfrage offenbarte das, was ohnehin fast alle wussten: Die katholische Sexualmoral spielt im Leben fast aller Katholiken keine Rolle mehr. Woran liegt das?

 

Die Vatikanumfrage offenbarte das, was ohnehin fast alle wussten: Die katholische Sexualmoral spielt im Leben fast aller Katholiken keine Rolle mehr. Woran liegt das?

 

Blick auf die Realität, gespiegelt im Spiegel

DER SPIEGEL betitelte seine Ausgabe 5/2014, vom 27. Januar mit: „Der Papst und der verdammte Sex. Vatikan-Umfrage zur Kluft zwischen Kirche und Gläubigen". Dies scheint jedoch nur der Aufhänger zu sein, um dann mit der Titelstory einen Verriss über die Sexualmoral der Kirche im Vergleich zum wirklichen Leben der Katholiken zu schreiben. Es geht dem SPIEGEL dabei offensichtlich nicht ums Verstehen, sondern ums verächtlich machen. Dennoch beschreiben einige Aussagen die Lage, wenngleich im extremen Ton, richtig: „Das Ergebnis ist niederschmetternd für die Hüter der reinen Lehre. Die Reaktionen selbst engagierter Katholiken schwanken zwischen Desinteresse, Häme und tiefer Verletztheit […] Sogar im konservativen Bayern können 86% der Gläubigen keine Sünde darin erkennen, die von der Kirche verdammte Pille oder die gleichfalls verdammten Kondome zu benutzen." Eine BDKJ Mitarbeiterin zitiert DER SPIEGEL mit dem Satz: "Sex vor der Ehe und Verhütung gehören zu ihrem Beziehungsleben selbstverständlich dazu".

Die Umfrage offenbart den Bruch zwischen Lehramt und Basis

Es war in der gesamten Geschichte der Kirche noch nie so, dass ihre Lehren und Ansprüche in der Gesellschaft vollends anerkannt und gelebt wurden. Ohne den eklatanten Widerspruch zwischen ideal- und real-existierendem Christentum, hätte es keine Reformen und keine Reformation gegeben. Dennoch zeigt die Deutlichkeit der Zahlen etwas, das der katholischen Kirche Angst machen muss: Die Gleichgültigkeit ihrer Lehre gegenüber. Neben den 86%, die laut Vatikanumfrage keine Sünde darin „empfanden“ eine „sogenannte unerlaubte Methode“ zur Geburtenregelung, also die Pille, ein Kondom oder ähnliches zu verwenden, sagen 90%, dass sie deswegen [wegen dem gelebten Wiederspruch zur kirchlichen Sexuallehre] nicht der Eucharistie ferngeblieben sind. DER SPIEGEL resümiert treffend: "Die jungen Katholiken machen einfach, was ihnen gefällt, und nehmen trotzdem an den Sakramenten teil.“ Das Gewissen, bzw. das Gewissensurteil, das die Katholiken in sich vernehmen, ist die moralische Instanz, der Vertrauen entgegengebracht wird. Die Kirche sagt aber auch, dass das Gewissen des einzelnen die für ihn geltende letzte moralische Instanz ist.

Was macht die vatikanische Lehre über die gelebte Sexualität so wenig überzeugend?

Paul VI. hat in seiner Enzyklika „humanae vitae“ aus dem Jahre 1968 die bis heute verbindliche Position in der katholischen Sexualmoral festgeschrieben. In vielen Punkten wiederholt diese Enzyklika die Aussagen der Enzyklika „casti conubii“ von Pius XI. aus dem Jahre 1930. Paul VI. begründet die katholische Sexualethik nicht bloß mit Vernunft-, sondern auch mit Glaubensaussagen, von denen er dann einen "Liebesplan", einen "Schöpfungsplan", ein "Wesen der Ehe" und eine "von Gott gesetzte Ordnung" ableitet. Zugespitzt wird das Verbot von Verhütungsmitteln in dem Satz: „Wenn jemand daher einerseits Gottes Gabe genießt [Sex] und anderseits - wenn auch nur teilweise - Sinn und Ziel dieser Gabe ausschließt [die Fortpflanzung], handelt er somit im Widerspruch zur Natur des Mannes und der Frau und deren inniger Verbundenheit; er stellt sich damit gegen Gottes Plan und heiligen Willen. Natur wird hier nicht als Vernunft, sondern biologistisch verstanden: Die Biologie bestimmt die Norm. Das Schreiben macht auch auf die vermuteten Folgen aufmerksam, die eine Aufweichung der Lehre mit sich bringe: "breiter und leichter Weg einerseits zur ehelichen Untreue, anderseits zur allgemeinen Aufweichung der sittlichen Zucht [...] Man braucht nicht viel Erfahrung, um zu wissen, wie schwach der Mensch ist."

Warum humanae vitae von den Katholiken und Katholikinnen nicht angenommen wurde

Entsprachen die kirchlichen Lehraussagen in den dreißiger Jahren noch eher dem gesellschaftlichen Vorstellungen, hatte sich 1968 die Einschätzung, vor allem der Empfängnisverhütung, grundlegend geändert. Es war auch ein neues Verständnis gerade bei katholischen Paaren entstanden. Für diese rückt die Begründung, dass die Biologie hier mit Gottes Willen in eins gehe, die personale Dimension der Sexualität in den Hintergrund und ist daher für viele Katholiken nicht mehr überzeugend. Denn in der Moderne wie der Postmoderne zählen Individualität und das eigene Wohlbefinden. Gerade der gelebten Sexualität wird eine wichtige Bedeutung für ein gesundes und glückliches Lebens beigemessen. Viele betrachten heute gelebte Sexualität geradezu als Menschenrecht. Daher oft auch die reißerische Kritik an der Kirche in Bezug auf Homosexualität. Eine junge Katholikin aus Berlin sagt das im SPIEGEL so: „Für unsere Generation ist es auch eine Frage von Verantwortung: Wenn man nicht mit 16 oder 17 Jahren Eltern werden möchte, muss man verhüten“. Die Sexualmoral im Leben der jungen Menschen richtet sich heute an säkularen Maßstäben aus.

Paul VI.  wollte 1968 gegen alle Widerstände in Kurie und Klerus an der bisherigen Lehre der Kirche festhalten. Aber diese wird gesellschaftlich abgelehnt. In Grundschulen und an weiterführenden Schulen findet heute Sexualkunde statt und in den weiterführenden Schulen gilt das Lehren von der Verwendung eines Kondoms oder die Aufklärung über die Pille als natürlicher Bestandteil von Bildung und Erziehung. Gegen anfängliche Kritik an diesen Lehrinhalten werden diese heute als selbstverständlich hingenommen. In der Gesellschaft jedenfalls ist gilt ein Recht auf Sexualität als selbstverständlich. Man kann es sich heute besonders als junger Mensch nicht erlauben, anders zu denken oder zu handeln und dennoch meinen, man würde gesellschaftlich voll dazugehören.

Hier kann sich die Kirche fragen, ob sie die Bedeutung der Sexualität im Leben der Menschen ausreichend beachtet. Wichtiger als die Frage nach erlaubter oder unerlaubter Verhütung ist jedoch der Einsatz für das ungeborene Leben. Denn wie auch immer Sexualität gelebt wird, sie ist nie von Verantwortung zu trennen. Die Kirche muss ihren Einsatz für den Schutzes des ungeborenen Lebens ausbauen und klar verkünden, dass es immer Wege gibt das Kind zu bejahen, auch wenn es ungeplant ist.

Kritik und Ablehnung

Der entscheidende Punkt, warum die Enzyklika auf Ablehnung stieß, ist das Gefühl, dass die Kirche sich in Intimbereiche einmischt, zu denen ihr der Zutritt verweigert wird: In der Postmoderne gilt nicht das als verbindlich, was von außen vorgeschrieben wird und sei es auch im Namen der Wahrheit oder als verkündeter Wille Gottes. Die Ma0ßstäbe wollen viele heute selbst legen und zwar so, wie es sich innen innerlich erschließt. Dies macht ein Jugendlicher im SPIEGEL mit seiner Aussage deutlich: „Es ist der Kirche nicht erlaubt, sich da einzumischen".

Die Kirche ist herausgefordert die Menschen wieder neu zu erreichen.

<iphasize>Ein Kommentar von Josef Jung.</iphasize>


Schlagworte: #Vatikanumfrage

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