Foto: Janez Sever, Moskau

Der Islam gehört seit Jahrhunderten zu Russland

Russland hat nicht nur in Tschetschenien, Dagestan und anderen Gebieten des Nordkaukasus eine islamische Bevölkerung, auch in Moskau stehen Moscheen. In der Verfassung werden vier „traditionelle Religionen“ erwähnt, das orthodoxe Christentum, der Islam, das Judentum und der Buddhismus. In Russland leben schätzungsweise 20 Millionen Muslimen bei 141 Millionen Einwohnern insgesamt.

Russland hat nicht nur in Tschetschenien, Dagestan und anderen Gebieten des Nordkaukasus eine islamische Bevölkerung, auch in Moskau stehen Moscheen. In der Verfassung werden vier „traditionelle Religionen“ erwähnt, das orthodoxe Christentum, der Islam, das Judentum und der Buddhismus. In Russland leben schätzungsweise 20 Millionen Muslimen bei 141 Millionen Einwohnern insgesamt.

Auf dem Gebiet des heutigen Russland ist der Islam früher präsent als das Christentum. Das moderne Russland wurde in einen muslimischen Staat geboren – als das Gebiet, das zum Herzland Russlands wurde, noch der Goldenen Horde tributpflichtig und politisch von ihr abhängig war. Russland ist nicht nur im Kampf mit einem muslimischen Staat geboren, es hat später den Islam als sein Erbe übernommen und integriert. Ohne den Islam ist auch das heutige Russland nicht zu denken.

Russland ist, auch nach dem Zerfall der Sowjetunion, ein Vielvölkerstaat geblieben. Eines dieser Völker, die Wolga-Tataren, hatte den Islam im Jahre 922 als Staatsreligion angenommen. Das war ein halbes Jahrhundert, bevor der heilige Prinz Wladimir im Jahre 988 Russland taufen ließ.

Die mongolische Herrschaft

Nach der Eroberung durch Mongolen wurde Russland Teil ihres Reiches. Und dann, als im Jahre 1302 der Khan der Goldenen Horde den Islam zur Staatsreligion erhob, sind die Russen zu Untertanen eines muslimischen Herrschers geworden. Damit war die traditionelle Religionstoleranz der Mongolen zu Ende. Das läutete dann auch das Ende der Goldenen Horde ein. Türkische Stämme, die keine Muslime werden wollten, wurden in ihrem Kampf für die Unabhängigkeit zu Verbündeten der Herrschers von Moskau. Dieser Kampf erhielt durch den Islam eine religiöse Komponente. Diese Völker wurden zum Bollwerk Russlands gegen ihre muslimisch gewordene Volksgenossen. Zwar dauerte es noch fast zwei Jahrhunderte, bis Russland Ende des 15. Jahrhunderts unabhängig wurde. Aus der ehemaligen Provinz eines muslimischen Herrschaftsgebietes wurde ein Reich, zu dessen Herrschaftsgebiet viele muslimische Völker gehörten.

Die Eroberung des Islamischen Khanats von Kasan wird mit Recht als Geburtsstunde des Neuen Reiches gesehen. Nun ging die Expansion Russland auf den muslimischen Gebieten fast ununterbrochen bis zum Ende des 19 Jahrhunderts weiter - im 16. Jahrhundert das Khanat von Astrachan und von Sibirien, im 18. Jahrhundert das Khanat von Krimea, im 19. Jahrhundert der Kaukasus und Zentral Asien.

Koexistenz von Islam und Christentum

Die Regierung erleichterte bis zur Mitte des 18. Jahrhundert die Konversion zum Christentum und erzwang sie auch manchmal. Der Islam dieser Zeit wurde vom Sufismus geprägt, besonders von dem aus Zentral Asien stammenden Nakschbandi-Orden. Aus Buchara hatte er sich im Kaukasus und in die Wolga-Gebiet ausgebreitet. Muslimische Untertanen der Zaren in dieser Zeit hielten möglichst großen Abstand zum Zaren und der Staatsgewalt.

Mit der aufgeklärten Katharina der Großen kam die Zeit relativer religiöser Toleranz. Muslime erhielten eine relative religiöse Autonomie. In Tatarstan konnte religiöse Literatur gedruckt werden. Ab 1836 war die Universität von Kasan einer der besten im Land.

Aufgeklärter Islam in Tatarstan

Im 19. Jahrhundert kam in Tatarstan eine Reformbewegung auf, die man als eine Vorläuferin des Europäischen oder modernen Islams bezeichnen kann. Diese Bewegung der Erneuerung hieß Dschdidismus , im Arabischen bedeutet Dschadid “Neu”. Diese Reformbewegung setze sich das Ziel, Bildung und Wissenschaft unter den Muslimen zu verbreiten und ihre Lebensverhältnisse an die modernen Verhältnisse anzupassen. Dschadidisten förderten eine aktive Teilnahme der Frauen am politischen und gesellschaftlichen Leben. Sie haben auch für die Verbreitung der Bildung in Tatarstan und in den anderen Gebieten sehr viel erreicht. Wie Völker in dieser Zeit, die noch kein eigenes Staatwesen entwickelt hatten, wollten sie wie die Araber im Osmanischen oder die Slawen im Habsburger Reich ihre nationale Kultur wiederbeleben. Sie waren so erfolgreich, dass am Ende des 19. Jahrhunderts fast 90% der Tataren auf Tatarisch lesen und schreiben konnten. Vor dem Ersten Weltkrieg wurden in Russland nur auf Russisch mehr Bücher gedruckt als auf Tatarisch.

Traditioneller Islam im Nordkaukasus und in Zentralasien

Dagegen waren die Muslime im Kaukasus schon immer eher konservativer gestimmt. Dort wurde muslimische Gemeinde von Sufiorden geprägt. Diese Sufiorden, die im Kaukasus verbreitet waren, beanspruchten auch eine politische Rolle. So gehörte der Anführer des größten Aufstandes gegen Russland in Tschetschenien und in Dagestan, Imam Schamil, dem Sufiorden Nakschabandiya angehörte. Dieses Orden hat in Zentral Asien, auf dem Gebiet des heutigen Ostturkestans im 17. und 18. Jahrhundert einen eigenen Staat gegründet, der von Sufischeichs regiert wurde.

 

Die Eingliederung Zentralasiens in das Russische Reich gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatte auch zur Folge, dass die Zahl der im Zarenreich lebenden Muslime rasant gestiegen war. Der Emir von Buchara hat z.B. in Petersburg eine Moschee errichtet.

 

 

Die Religionspolitik der Sowjetunion

Nach der Oktober Revolution hat die Sowjetregierung gegenüber den Muslimen zuerst eine freundliche Politik eingeschlagen, um sie, als Vertreter der im Russischen Reich benachteiligten Religion, für eigene Zwecke zu gewinnen. Aber der Versuch ist fehlgeschlagen. Die Sowjets mussten gegen die bewaffnete Aufstand der Muslime, besonders in Zentral Asien, ein verlustreichen Kampf führen.

Während Sowjetzeit wurden Moscheen und Koranschulen geschlossen. Für die Ausbildung der muslimischen Geistligen blieb nur ein Zentrum – in Taschkent. In verbliebenen Moscheen und Gemeinden wurden so genannte “Rote Mullas” eingesetzt, die vom KGB und den Parteizentralen Weisungen erhielten.

Diese Politik hat mit zu den heutigen Problemen geführt. Die Religion konnte durch die Zerstörung der Strukturen nicht völlig zum Verschwinden gebracht werden. So hat Michail Gorbatschow noch 1986 in einer Rede in Taschkent, damals die Hauptstadt des Islam für die gesamte Sowjetunion, „einen entschiedenen und kompromisslosen Kampf gegen alle religiösen Erscheinungsformen” gefordert. Die Selbstidentifizierung auf religiöser Basis war sehr abgeschwächt. Religiöse Konflikte im täglichen Leben waren undenkbar. Das wirkt sich bis jetzt aus, besonders bei den älteren Generationen, die in der Sowjetzeit groß geworden ist. Sie wird jetzt von den jungen, eifrigen Gläubigen und damit auch von den eigenen Kindern verächtlich als “Sowjetmensch” abgestempelt. Bis jetzt gilt es, dass die Mehrheit derer, die sich als “Muslime” bezeichnet, nur bedingt religiös und oft Atheisten sind.

Wiedergeburt des Islam

Mit “Perestroika” begann auch bei den Muslimen eine religiöse Wiedergeburt. Zuerst wurden neue Strukturen geschaffen. Gab es Ende achtziger Jahre nur 392 Moscheen gab, auch Zentralasien inbegriffen, gab es nach dem Selbständigwerden dieser Staaten in der verbliebenen Russischen Föderation 2007 bereits 7000 Moscheen und Gebetshäuser, 5000 allein im Kaukasus. Schon daran ist die Bedeutung des Islam im Nordkaukasus abzulesen.

In Russland gibt es keinen einheitlichen Islam, den man kann den Islam nicht von den Traditionen der einzelner islamischer Völker trennen.

Die Wiedergeburt des Islam und die Islamisierung Russlands wird in einem folgenden Artikel dargestellt.

 

Vladimir Pachkov

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